Lässt das Internet unsere Innenstädte veröden?

Shopping Center "Faro 2" in Maspalomas (Gran Canaria). Foto: Marc Ryckaert (MJJR), CC-BY-3.0
Shopping Center "Faro 2" in Maspalomas (Gran Canaria). Foto: Marc Ryckaert (MJJR), CC-BY-3.0 via Wikimedia Commons
Shopping Center „Faro 2“ in Maspalomas (Gran Canaria). Foto: Marc Ryckaert (MJJR), CC-BY-3.0 via Wikimedia Commons

Krank zu Hause sehe ich Sendungen im Fernsehen, die mir sonst aus Zeitmangel nicht auf den Bildschirm kommen würden, zum Beispiel MDR, Thüringen Journal, 2. Dezember 2014 19:00 Uhr, Innenstädte veröden zusehends.

Ich erfahre, dass in Eisenach auf jeden Einwohner etwa 3,3 m² Ladenfläche kommen. Die Geschäfte befinden aber vor allem in Einkaufszentren am Rande und im Zentrum der größeren Städte. Es werden Bilder gezeigt, die ich auch aus Tourismusprospekten kenne: menschenleere Innenstädte. Aufwendig saniert. Verkehrsberuhigt. Fußgängerzonen, so weit das Auge reicht. Aber kaum Fußgänger.

In Jena am Markt oder in Mühlhausen auf dem Steinweg kann man noch Einkaufsbummel machen. Aber in Schleusingen oder Kahla? Da setzen sich die Einwohner ins Auto und fahren dorthin, wo es viele Geschäfte und reichlich Parkplätze gibt: zu den Shopping Malls, den Einkaufszentren. Und die dürfen ruhig ein paar Dutzend Kilometer entfernt liegen. Da sind sie, die Fußgänger: erst im Auto, dann auf der Rolltreppe und dann bummeln sie unter Tageslichtsimulation an Einzelhandelssimulationen vorbei.

Ein Folge der Industriellen Revolution. Wir produzieren industrialisiert, wir wohnen in industriell hergestellten Häusern und wir kaufen industriell ein. In der DDR wurde die Industrialisierung des Lebens mit dem Fortschritt gleichgestellt. Beides ist mir heute suspekt. Warum hängten sich die Leute Wagenräder und Kummets auf die Balkone ihrer Plattenbauwohnungen? Wie pervers ist es, einen Bauernmarkt in einer Shopping Mall nachzubilden? Und Quark in Plastikgefäßen zu verpacken, die wie kleine Holztröge aussehen?

Es ist nicht das Internet (eigentlich die Auswirkung der Digitalen Revolution) , die unsere Innenstädte veröden lässt. Es hat schon mit der industriellen Revolution begonnen. Man kann sich dem stellen. Konzepte ausprobieren. Die autogerechte Stadt zum Beispiel. Aber es ist nicht immer schön, was dabei heraus kommt.

Und wo kaufe ich meine Weihnachtsgeschenke? Und ich werde welche kaufen – weil mir das Schenken Spaß macht. Ich werde die Schönhauser Allee runterflanieren. Um den Kollwitzplatz schreiten. Und ins Kaufhof Galeria am Alexanderplatz gehen. Die haben da eine wirklich sehenswerte Rolltreppenkonstruktion.

Der Wert von Dingen

Geld. Foto von Takkk, CC-BY-SA-3.0, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons
Die drei weisen Affen. Holzschnitzerei. Foto: SixSigma, CC-BY- 3.0
Die drei weisen Affen. Holzschnitzerei. Foto: SixSigma, CC-BY- 3.0

Es erscheint mit nicht mehr erstrebenswert, viele Dinge zu besitzen.

Als ich noch in der DDR lebte, war es wichtig, bestimmte Dinge zu kaufen, wenn es sie zu kaufen gab. Wir stellten uns vor, dass es in der Bundesrepublik („Im Westen“ sagten wir) immer alles zu kaufen gibt und hielten das für Glück. Jetzt lebe ich in der Bundesrepublik und siehe da, es gibt nicht immer alles zu kaufen. Oder jedenfalls nicht so leicht und überall. Winterstiefel zum Beispiel gibt es von Sommerende bis Winteranfang. Winteranfang im Sinne von „wenn es anfängt, richtig kalt zu werden und Schnee liegen bleibt“. Da liegen in den Geschäften fröhliche Sommer-T-Shirts. Oder es gibt Dinge nur mit bestimmten Einschränkungen. Erdbeeren zum Beispiel gibt es das ganze Jahr über. Nur außerhalb der Erdbeersaison schmecken sie nicht nach Erdbeeren, sondern nach Gurke – nur ohne Gurkengeschmack.

Die Dinge, die das Leben angenehm machen, gibt es jedoch immer oder oft genug, um sie zur Verfügung zu haben, wenn ich sie zu brauche glaube. Für den täglichen Bedarf Haarshampoo, Cola, Armbanduhr und Tafelschokolade. Für den gelegentlichen Bedarf Bücher, ferngesteuertes Automodell, DVB-T-Receiver und Klammeraffe. Dann gibt es noch die Dinge, die mir wertvoll sind. Fotos, mein erstes Schreibheft, eine Locke meines Sohnes.

Materiell wertvoll ist nichts davon, soweit ich weiß. Wie wird eigentlich etwas „materiell wertvoll“. Es muss selten sein. Aus seltenem Material oder mit seltener Kunstfertigkeit hergestellt. Oder es muss in begrenzter Menge vorliegen. Bis zur industriellen Revolution im 19. Jahrhundert war alles ebenmäßige und fein gearbeitete leicht als wertvoll zu identifizieren. Seither können solche Dinge leicht massenhaft produziert werden. Wir Menschen brauchen aber vermutlich wertvolle Dinge. Also werden Sachen von Hand hergestellt, die auch von Maschinen in gleicher oder besserer Qualität gefertigt werden könnten. Es werden Zertifikate ausgefertigt, die bestätigen, dass diese Sache von Hand hergestellt wurde. Ein paar Kratzer und eine etwas schiefe Verbindung gelten als Qualitätsmerkmal. Es werden jedoch auch solche Zertifikate und Dinge mit künstlichen Gebrauchsspuren massenhaft maschinell hergestellt.

Es gibt Leute, die sich von allem überflüssigen Tand trennen. Ich gehöre nicht dazu. Ich liebe es, in meinen Schränke auf Dinge zu stoße, an die ich seit Jahren nicht gedacht habe und die Erinnerungen hervor rufen an vergangene Erlebnisse und Pläne, dich ich einmal hatte.

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Ich backe Brot

Graubrot. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Graubrot. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Graubrot. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Etwas Salz, Roggenmehl, Weizenmehl, etwas warmes Wasser und ein Würfel Hefe. Kosten der Zutaten: etwa 2,50 EUR. Rühren, ruhen lassen, noch ein bisschen ruhen lassen, backen.

Es erstaunt mich immer wieder, wie einfach Lebensmittel hergestellt werden können. Warum habe ich das nicht als Kind gelernt?

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Wenn genügend große Datenmengen vorliegen, werden sie missbraucht werden.

Pauline Cushman, amerikanische Spionin. Foto aufgenommen zwischen 1855 und 1865. Public Domain.
Pauline Cushman, amerikanische Spionin. Foto aufgenommen zwischen 1855 und 1865. Public Domain.
Pauline Cushman, amerikanische Spionin. Foto aufgenommen zwischen 1855 und 1865. Public Domain.

Man denkt sich ja so, dass eine Institution in einem demokratischen Staat, die besondere Privilegien genießt, was den Zugriff auf sensible Daten der Bürger angeht, besondere Sorgfalt walten lässt. Also zumindest ich dachte mir das so.

Der NSA-Skandal zeigt immer mehr, dass es bei Geheimdiensten keine Selbstreinigung und keine geeigneten Kontrollmechanismen gibt. Ein weiteres aufgedecktes Detail ist, dass NSA-Mitarbeiter den Zugriff auf die Informationen für private Zwecke genutzt haben.

Wenn noch keiner folgende Gesetzmäßigkeit aufgezeigt hat, nenne ich sie:

Wallroths Gesetz: Wenn genügend große Datenmengen vorliegen, werden sie missbraucht werden.

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Der Mann im Autokäfig

Berge. Fotograf: =Yan= CC-BY-SA-3.0
Berge. Fotograf: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9A%D0%B0%D0%B2%D0%BA%D0%B0%D0%B7_062.jpg">=Yan= CC-BY-SA-3.0</a>
Berge. Fotograf: =Yan= CC-BY-SA-3.0

Als wir über die bucklige Asphaltpiste zum Friedhof des langezogenen Dorfes gingen, um historische Grabsteine zu sehen, fuhr eine seltsame Wagenkolonne langsam an uns vorbei.

Unser Auftauchen hatte schon seit einer halben Stunde die Dorfhunde zu Höchstleistungen getrieben, aber jetzt steigerten sie sich zu waren Arien. Frauen mit weißen Kopftüchern traten vor die Türen, verschränkten die Arme unter der Brust und blinzelten finster auf die polternden Wagen. Die drei Männer und ein paar Kinder, die uns bisher in sicherer Entfernung gefolgt waren, wandten sich dem neuen Wunder zu. Ihre Blicke verfinsterten sich noch mehr, was ich nicht für möglich gehalten hätte.

Am Anfang der Kolonne fuhr ein hellblauer PKW mit einem großen Blaulicht auf dem Dach. Hinten fuhr ein LKW mit Zeltplane über der Ladefläche. Die Zeltplane wie das Fahrerhaus waren wohl mal gelblich olivgrün, aber der Staub hatte alles in ein stumpfes Gelb getaucht. In der Mitte fuhr die eigentliche Attraktion. Ein LKW mit langer Schnauze, auf dessen Ladefläche ein Käfig geschweißt war. Darin saß ein finster blickender junger Mann in Wattejacke und Jeans. Auch er war stumpf gelb gefärbt vom Straßenstaub, der sich hinter dem Dorfeingang in einer langen Fahne langsam auf die Felder legte.

Die Kolonne fuhr bis zum Dorfplatz neben der Kirche mit dem eingestürzten Turm, die wir kurz nach unserem Eintreffen besichtigt hatten. Ein Baugerüst aus grausilbernem Holz stand etwas schief um die nackten Ziegel der Turmfußes herum. Langsam fuhren die Autos in einem Halbkreis. Immer mehr Menschen kamen von den Häusern und Gärten. Die Autos blieben stehen. Am letzten Wagen wurde die Plane zurückgeschlagen und ein paar Uniformierte mit olivgrünen Helmen blickten mürrisch hervor. Aus dem PKW war ein Offizier mit grotesk großer Schirmmütze auf dem kleinen Kopf ausgestiegen und schritt rasch mit langen Stiefelbeinen zum letzten LKW. Eine Handvoll Soldaten springen betont lässig vom LKW. In einer Hand je eine Maschinenpistole mit freundlich gekrümmtem Magazin. Die Uniformierten stellen sich locker um den mittleren LKW. Zwei, die der Kirche am nächsten stehen, stecken sich eine Zigarette an.

Eine kleine Menschenmenge hat sich auf dem Platz zusammengestellt. Drei Hunde laufen aufgeregt um die Beine der Dorfleute. Einer bekommt einen Tritt und springt freudig jaulend weg und wieder heran.

Der Offizier hält eine Ansprache durch ein Megaphon. Ich frage einem meiner Begleiter, worum es geht. Er erklärt mir nach einer Weile leise in schwer verständlichem Englisch, dass das im Käfig ein Terrorist sei. Der sei bei einem Bombenanschlag in einem Flughafen dabei gewesen. Es gab ein paar Tote. Der Typ hätte sich in der Nähe herumgedrückt, um die Aktion zu filmen. Er hätte auch ganz schön was abgekriegt, sage ich ich einigermaßen verblüfft über diese Geschichte. Naja, das zugeschwollene Auge hätte er sich wohl später zugezogen, grinst mein Begleiter schief.

Die Rede des Offiziers zieht sich ein bisschen hin. Die Leute stehen schweigend, ohne sich zu rühren. Die Hunde haben sich gelangweilt hingelegt, nur einer läuft noch mit seinem buschigen Kringelschwanz wedelnd herum. Wir haben uns an die Friedhofsmauer gelehnt. Meine Begleiter hören finster schweigend sehr aufmerksam zu. Der bisherige Spaßvogel unserer Gruppe blickt am finstersten unter seinen schwarzen Augenbrauen hervor.

Die riesige Schirmmütze des Offiziers wippt nachdrücklich. Er scheint seine Rede mit einer Aufforderung abzuschließen. Aus der Menge werden ein paar Sätzen zu dem Mann im Käfig gerufen. Der hat sich nach dem Ende der Rede kerzengrade hingestellt und scheint etwas zu erzählen. Jemand aus der Menge kommentiert seine Worte. Ein paar Männer lachen heiser. Ein Kind guckt mich vom Arm der Mutter aus streng prüfend an.

Ich frage, was denn los ist. Mein Begleiter kaut zwischen den Zähnen hervor, dass der junge Mann aus der Gegend hier stamme und jetzt dem Volk Rede und Antwort stehen solle. Nach dem Anschlag hätte es zwar Geschrei und Staub und Blut gegeben, aber die meisten Leute im Flughafen hätten nur einen großen Bogen um die Unglücksstelle gemacht. Der Anschlag hätte keine große Auswirkung auf die Gesellschaft gehabt. Das Leben gehe weiter.

Warum wird der Mann hier vorgeführt frage ich. Ach, das machten die immer so mit „bearbeiteten“ Terroristen. Die sollten hier erzählen, dass Anschläge überhaupt keinen Sinn machten. Mein Begleiter kneift ein Auge zu und lacht heiser. Diese Vorführungen hätte nur dazu geführt, dass die Organisatoren der Anschläge verstärkt auf Selbstmordattentäter setzten. So könnte niemand umgedreht werden.

Mein Mund ist trocken. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Die Menge wird mutiger und lacht manchmal lauthals zu Rufen von einigen Männern.

Dann klettern die Soldaten wieder auf ihren Wagen, der Offizier läuft einmal um den Käfigwagen herum und steigt in den PKW. Die Kolonne setzt sich in Bewegung. Ein paar Leute lösen sich aus der Menge. Ein paar stehen noch finster blickend zusammen. Zwei Jungen und ein Mann haben sich schon wieder uns zugewandt.

Wir gehen langsam zu unserem Bus. Ich sage zu dem Spaßvogel, dass ich die Geschichte unglaublich fände. Wieso würde das gemacht? Was machen sie denn bei Euch mit Kinderschändern, fragt er. Hier werden die ausgestellt und von der Menge verhöhnt. Ich bin verwirrt. Ich frage den immer sehr ernsthaft wirkenden Begleiter, neben dem ich Bus sitze, was denn das nun genau gewesen sei. Nichts, sagt er. Das sei so eine Tradition. Sowas wie das Winteraustreiben. Und irgendetwas müsse man halt gegen die Alkoholiker tun. Ich trinke einen Schluck Tee aus der Flasche.

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Öhrchen zählen

Winston Churchill zeigt das Victory-Zeichen. Public Domain.
Winston Churchill zeigt das Victory-Zeichen. Public Domain.
Winston Churchill zeigt das Victory-Zeichen. Public Domain.

Der Titel stimmt nicht. Ich kann mich nicht erinnern, ob wir einen Namen dafür hatten. Wenn wir es doch irgendwie nannten, dann hieß es nicht „Öhrchen zählen“.

Die Handgeste, bei der man Zeigefinger und Mittelfinger V-förmig aus der Faust abspreizt, nennt sich Victory-Zeichen. Wenn man die Hand hinter den Kopf von jemandem hält, so dass nur die beiden abgespreizten Finger über dem Kopf sichtbar werden, kann man dies als Hasenohren interpretieren. Als ich in der fünften Klasse war, war das in meiner Alterklasse ein beliebter Scherz. Es gibt mehrere Fotos von Klassenfahrten, auf denen jemand einen Satz Ohren zu viel hat. Und immer sind es Jungs, die die Finger hinter dem Kopf eines Mitschülers oder einer Mitschülerin hochhalten.

Die Person mit den zusätzlichen Ohren wurde damit ein bisschen lächerlich gemacht. Ich würde es nicht Demütigung nennen. Dazu wurde es nur bei Schülern, deren sozialer Status sowieso gering war. Dann wurden die Öhrchen den anderen Demütigungen hinzugefügt.

In unserer Klasse wurde die Geste nach und nach verfeinert. Die erste Änderung war, dass die abgespreizten Finger nicht mehr unter Spannung standen, sondern lässig nach vorne gebogen waren. Dann kam das Zählen hinzu. Die beiden abstehenden Finger wurden rhythmisch nach unten gebogen. Je öfter das dem Scherzbold gelang, um so lustiger war es. So brauchte es auch keiner Kamera mehr, um jemandem die Öhrchen zu verpassen. Man hatte ja das Zählen.

Die- oder derjenige, der die Öhrchen angezählt bekam, konnte nur an der Reaktion der Umstehenden erkennen, dass etwas Ungewöhnliches vorging. Irgendwie schauten einen die Mitschüler seltsam an. Mit der Zeit lernte man, in so einem Fall zuerst nach schräg hinten zu schauen, ob da nicht ein Junge mit erhobenen Arm stand. Für den Zählenden war es wichtig, dass das der oder die Veralberte irgendwann die Attacke bemerkte, ansonsten verpuffte die Wirkung. Der Arm wurde immer schwerer und das triumphierende Lächeln immer verkniffener. Notfalls schubste der Zählende sein Opfer ein bisschen, um ihn auf seine Rolle hinzuweisen.

Das ist eine der schöneren Erinnerungen aus meiner Schulzeit.

Architektengemeinheiten

Maler: Eduardo Zamacois y Zabala, 1868, Public Domain, Quelle: Wikimedia Commons
Maler: Eduardo Zamacois y Zabala, 1868, Public Domain, Quelle: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%27Taming_the_Donkey%27,_painting_by_Eduardo_Zamacois_y_Zabala,_1868,_private_collection.jpg">Wikimedia Commons</a>
Maler: Eduardo Zamacois y Zabala, 1868, Public Domain, Quelle: Wikimedia Commons

In dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ treibt die Hauptfigur einen hartherzigen Gemüseverkäufer in die Verzweiflung, indem sie in seiner Wohnung ein paar Kleinigkeiten nur einen Deut ändert. So tauscht sie seine Pantoffeln gegen ein nur eine Nummer kleineres Paar aus.

Architekten haben auch so einen Humor.

1. Raumhohe Fenster sehen wirklich majestätisch aus. Dem Betrachter bietet sich ein Blick ins Weite – der freilich oft an der gegenüberliegenden Hauswand endet. Außerdem bietet sich dem Betrachter von außen ebenfalls ein fabelhafter Blick ins Wohnungsinnere und auch die liebe Sonne schickt ihre Strahlen ungehindert ins Wohnungsinnere. Dass der Architekt über den Fensterflügeln weniger als 3 cm Platz gelassen hat, wird dem Bewohner erst auffallen, wenn er versucht, einen Vorhang anzubringen.

2. Wohnungen zu dämmen, darin haben es Architekten in Deutschland zu wahrer Meisterschaft gebracht. Ein Passivhaus kann man im Winter im Prinzip mit einer Kerze heizen. Dass es in Deutschland heiße Sommer gibt, wird dem Bewohner erst auffallen, wenn er bei 42°C Innentemperatur matt auf dem Sofa vor sich hin schwitzt. Denn Wärme kann die Wohnung super halten, Kühle jedoch nicht. (siehe auch 1. „die liebe Sonne“)

3. Schiffsplanken auf dem Balkon sehen sehr hübsch aus. Und der Schmutz rieselt praktischer Weise einfach zwischen den Ritzen durch. Nur irgendwann ist der Raum zwischen Holz und Balkonplatte voll und erst dann fällt den Bewohner auf, dass er jede Planke einzeln abschrauben muss, um den Dreck darunter wegzubekommen.

Ich könnte noch eine ganze Weile so weiter machen. Aber jetzt muss ich den Müll runterbringen und dabei aufpassen, sie Hausflurwände nicht zu streifen – die sind nämlich in einer aufwändig ausgewählten, aber gegen mechanische Beanspruchung äußerst empfindlichen Farbe gestrichen.

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Gewalt an Raul Krauthausen – Was kann man dagegen tun?

Foto von Andrevruas, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC-BY-SA</a>
Foto von Andrevruas, CC-BY-SA

Es gibt Nachrichten, die brechen mir das Herz und lassen mich ratlos zurück.

Ich hatte am 25. Mai die Ehre Raul Krauthausen, dem Organisator von wheelmap.org, den Zedlerpreis für Freies Wissen zu überreichen. Raul Krauthausen war mir schon vorher aus den Medien als Organisator von Pfandtastisch Helfen, Sozialhelden und Leidmedien ein Begriff.
Raul Krauthausen hat die sogenannte Glasknochkrankheit und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Er ist überaus freundlich, kann interessant erzählen und ist ein angenehmer, aktiver Zuhörer.

Anfang der Woche las ich in seinem Blog, dass ihm auf offener Straße von zwei Jugendlichen das Smartphone geraubt wurde. Sie haben sich einfach hinten an seinen Rollstuhl gestellt, ihm das Smartphone entrissen und sind davon gelaufen. Raul Krauthausen hatte keine Chance sie einzuholen oder ihnen gar das Smartphone wieder abzunehmen.

Und es war bereits das dritte Mal, dass ihm so etwas passiert ist.

Welcher Abgrund von Gemeinheit, Verderbtheit und Schwäche tut sich da auf. In den Kommentaren gibt es allerlei wohlmeinende Ratschläge zur Vermeidung der Situation, das Smartphone festzubinden und dergleichen. Aber das ist doch keine Lösung. In unserer Gesellschaft muss es ja wohl möglich sein, als offensichtlich körperlich Unterlegener trotzdem respektiert zu werden. In der öffentlichen Diskussion hält ja immer „der Kinderschänder“ als übelster Verbrecher her, der sogar in der Gefängnishierarchie² ganz unten steht. Wie wenig davon entfernt ist jemand, der einem Rollstuhlfahrer Gewalt antut?

Erstaunlich oft fehlt Sensibilität gegenüber Gewalt gegen Behinderte – ob körperlich oder verbal. In dem von mir sonst sehr geschätzten Blog „Notes of Berlin“, in dem öffentliche Mitteilungen aus dem Berliner Stadtbild publiziert werden, ist mir folgender Akt der Gewalt aufgefallen, der nicht in den sonst eher ironischen Kontaxt passt: unter den hinter die Windschutzscheibe geklemmten „Ausweis zur Ausnahmegenehmigung über Parkerleichterungen für besondere Gruppen schwerbehinderter Menschen.“ hat jemand „fick dich, zettelpuppe“ geschmiert. Vermutlich von jemandem, der der behinderten Person den Parkplatz neidet.

Nach dem Lesen von Herrn Krauthausens Bericht war meine erste Reaktion (für mich untypisch) der Gedanke an gewaltsamer Rache. Was wir aber brauchen ist eine immer wieder erneuerte Diskussion in den Medien, in den Schulen und in der Politik.

² Es will mir freilich auch nicht in den Kopf, dass gesellschaftlich akzeptiert ist, dass in unseren Gefängnissen das Recht der Stärkeren gelten soll – was ja wohl mit Rehabilitation nur schwer in Einklang zu bringen ist.

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Miteinander Reden — der schwierige Teil der Kommunikation

Die drei weisen Affen. Holzschnitzerei. Foto: SixSigma, CC-BY- 3.0
Die drei weisen Affen. Holzschnitzerei. Foto: SixSigma, CC-BY- 3.0
Die drei weisen Affen. Holzschnitzerei. Foto: SixSigma, CC-BY- 3.0

Im April 2011 berichteten mehrere Medien über Manuel Segovia (damals 75) und Isidro Velazquez (damals 69), die letzten lebenden Sprecher einer Sprache namens Ayapaneco. Die Herren leben nur wenige hundert Meter voneinander entfernt in dem Dörfchen Ayapa, Tabasco, Mexico.

Und sie wollen nicht miteinander reden.

Ich weiß nicht, ob das immer noch so ist. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die gemeinsam in einer Wohnung wohnen und nicht miteinander reden. Manche davon sind miteinander verheiratet. Und reden nicht miteinander.

Ich bin ja eher einfach gestrickt. Kommunikative Finessen entgehen mir häufig. Selbst klarste Andeutungen laufen bei mir fast immer ins Leere. Gottseidank habe ich eine Die Schönste Frau geehelicht, mit der ich folgendes vereinbaren durfte: Es gilt nur das direkte, gesprochene Wort.

Beispiel 1

Was gedacht wird: „Jemand müsste den Müll runter bringen.“

Was ich verstehe: —

Wie ich reagiere: —

Beispiel 2

Was gesagt wird: „Jemand müsste den Müll runter bringen.“

Was ich verstehe: „Jemand müsste den Müll runter bringen.“

Wie ich reagiere: Ich bestätige/bestreite, dass jemand den Müll runter bringen müsste — mündlich oder durch Kopfnicken oder Kopfschütteln.

Beispiel 3

Was gesagt wird: „Bring bitte den Müll runter.“

Was ich verstehe: „Bring bitte den Müll runter.“

Wie ich reagiere: Ich bringe den Müll runter.

Durch das Praktizieren der direkten, gesprochenen Kommunikation bin ich freilich völlig ungeübt in der komplexen Kunst der Andeutung. Das führte zu einem schweren Missverständnis mit einer zu Besuch bei uns weilenden Verwandten.

(zur Mittagszeit)

Sie: „Hast Du Hunger?“

Ich: „Nein.“

Daraufhin war unsere Verwandte sichtlich bestürzt. Die Schönste Frau konnte die Situation jedoch auffangen. Später klärte sie mich über den nicht ausgesprochenen Kontext des Gesprächs auf, worin sie durch jahrelange Übung in die Lage versetzt worden war.

Und zwar hatte die Verwandte selbst Hunger. Wollte aber zeigen, wie sehr sie sich auch um mich sorgte und erkundigte sich nach meinem Hunger.  Indem ich „Nein“ sagte, hatte ich nicht nur ihre Sorge um mich brüsk zurück gewiesen, sondern auch mein völliges Desinteresse an ihrem Befinden ausgedrückt. Ich versuche mal eine Übersetzung unserer Konversation:

(zur Mittagszeit)

Sie: „Ich habe Hunger, will aber nicht nur an mich denken, und will Dir außerdem zeigen wie wichtig Du mir bist, und dass ich mir Sorgen darum mache, dass Du auch genügend isst und wenn Du auch Hunger hast könnten wir zusammen essen, und ich könnte Dich zum Essen einladen — ich würde mich sogar in Eure Küche stellen und uns etwas kochen, damit es Dir nur gut geht.“

Ich: „Ich will kein Essen von Dir. Hör sofort auf, Sorge um mich zu heucheln. Das ist mir schon immer auf die Nerven gegangen. Sogar schon, bevor wir uns kannten. Ich kann Deine Anwesenheit nur mit Mühe ertragen. Außerdem interessiert es mich nicht die Bohne, wie es Dir geht. Wenn Du Hunger hast, geh‘ doch in die Armenküche — und selbst das ist noch viel zu gut für Dich. Zudem kannst Du gar nicht kochen. Das ist allgemein bekannt, und wenn nicht, dann erzähle ich es jedem, der es hören will. Du bist fett und hässlich. Ich hasse Dich.“

Nach diesem kommunikativen Unrat noch einmal zum Vergleich die Konversation, wie ich sie verstanden habe:

(zur Mittagszeit)

Sie: „Hast Du Hunger?“

Ich: „Nein.“

In Folge dieses Erlebnisses versuche ich bei jeder Kommunikation mit unserer Verwandten — ob per Mail, am Telefon oder bei persönlichen Treffen — wiederzugeben, was von ihrem gesprochenen Wort bei mir angekommen ist. Immerhin werden meine unbeholfenen und ausnahmslos völlig fehl gehenden Deutungsversuche mild lächelnd ignoriert — wenn ich den Gesichtsausdruck richtig deute.