#Wikimania 2015 // Rechtliche Aspekte: Ein Schlachtgemälde

Mexiko-Stadt, 18. Juli 2015

In den Sessions “Kriegsberichte von WMF Legal: Verteidigung von Benutzern und Inhalten” und “Was bedeutet ‘frei’ bei Wikimedia?” erzählten Rechtsexperten der Wikimedia Foundation aus ihrem Arbeitsalltag.

In der erstgenannten Session wurden Beispiele genannt, womit sich die Rechtsabteilung der Wikimedia Foundation auseinanderzusetzen hat, und welche Lösungen sie finden.

Beispiel 1: Es gibt regelmäßig Anfragen von Gerichten, staatlichen Stellen und anderen nach den persönlichen Daten von Personen, die die Wikipedia bearbeitet haben. Von Januar 2015 bis Juni 2015 gab es 23 solcher Anfragen. In keinem der Fälle wurden die Daten herausgegeben.

Beispiel 2: Anfragen nach Änderung oder Löschung von Inhalten. Von Januar 2015 bis Juni 2015 gab es 234 Anfragen, von denen keine postitiv beantwortet wurde.

Die Foundation geht mit solchen Anfragen sehr transparent um, alles wird im Transparenzbericht dargestellt.

Es gibt aber auch Anfragen, denen nachgekommen wird. Beispielsweise hatte jemand das Fotos eines Passes von einem Blog kopiert und bei Wikimedia Commons hochgeladen, auf dem alle persönlichen Inhalte des Passinhabers zu sehen waren. Auf Anfrage des Passinhabers wurde das Bild sofort gelöscht.

Andere Beispiele der Tätigkeit der Rechtsabteilung:

  • Ein Autor kündigte in einem Projektwiki seinen Selbstmord an. Die Wikimedia Foundation wandte sich sofort an die lokale Polizei. Dem Autoren geht es besser.
  • Ein Administrator der griechischsprachigen Wikipedia wurde von einem bekannten griechischen Politiker verklagt, da der Wikipedia-Artikel über diesen Politiker wahrheitsgemäße und belegte jedoch unbequeme Wahrheiten enthält. Dieser Fall ist immer noch anhängig.

In der zweiten Session präsentierten zwei Foundation-Mitarbeiter Ergebnisse und Erkenntnisse aus der Dateien-Metadaten-Aufräumaktion. Ziel der Aktion war Datei-Beschreibungsseiten und zugehörige Vorlagen so abzuändern, dass Multimedia-Dateien sämtlicher Wikimedia Wikis einheitliche maschinenlesbare Metadaten aufweisen. Am 18. Juli 2015 wiesen 1.343.085 von 28.788.823 Dateien keine maschinenlesbaren Daten auf.

Hier eine Auswahl der Erkenntnisse, die ich aufschnappen konnte:

  • Die meisten Dateien mit einigen wenigen Lizenzvorlagen auskommen. Die große Menge der Lizenzvorlagen wird von nur wenigen Dateien genutzt. Die Ergebnisse der Untersuchung stehen auf github zur Verfügung.
  • 689 der von der Wikimedia Foundation betriebenen Wikis weisen eigene Dateiuploads auf. (Manchmal ist das nur eine Datei: Das Logo des Wikis.)
  • Verschachtelte Lizenzkategorien sind meist nicht sinnvoll, da oft die Vererbung von Eigenschaften nicht gegeben ist. (Außerdem erschweren sie eine Auswertung.)
  • 33 Wikis der Foundation OHNE Wikimedia Commons beinhalten 379.820 freie Dateien und 753.085 unfreie Dateien auf. Etwas 85% dieser freien Dateien und etwa 70% dieser unfreien Dateien liegen in der englischsprachigen Wikipedia.
  • Von den insgesamt mehr als 29.000.000 Dateien liegen etwa 26.700.000 auf Wikimedia Commons (das sind etwa 92%) und 860.000 (3%) in der englischsprachigen Wikipedia.
  • Die meisten Dateien auf Wikimedia Commons sind unproblematisch, vor allem weil dort Fair Use nicht zugelassen ist. Ausnahmen sind Inhalte, bei denen die Wikimedia Bewegung das Copyright inne hat und Dateien, gleichzeitig frei und unfrei lizenziert sind (z.B. GFDL 1.2 und CC-BY-NC).

Download (PDF, 6.81MB)

#Wikimania 2015 // Mexikanische Volksmusik

2015 Wikimania opening ceremony. Foto: VGrigas (WMF), CC-BY-SA 3.0
2015 Wikimania opening ceremony. Foto: VGrigas (WMF), CC-BY-SA 3.0

Mexiko-Stadt, 18. Juli 2015

Gestern sprach im Community Village mit einem Wikimedia Commons-Administrator über anstehende Löscharbeiten nach der Wikimania. Obgleich es hier eine geballte Ansammlung von Fachwissen gibt, wird es bei den Uploads mit Fotos und Videos zur Wikimania 2015 etliche Urheberrechtsverletzungen geben. Als Beispiel nannte mögliche Videos von den mexikanischen Volkstänzen bei der Eröffnungszeremonie. Die dabei gespielte Musik falle sehr wahrscheinlich unter den Schutz des Urheberrechtes. Meiner Überlegung, dass man die Musik herausschneiden könnte setzte er zu Recht entgegen, dass sich erstens niemand die Arbeit machen würde und zweitens das Video dann deutlich an Aussagekraft verlöre.

Bei der gestrigen Busfahrt ins Anthropologische Museum saß ich neben einem mexikanischen Freiwilligen und fragte ihn nach der mexikanischen Musik bei der Öffnungszeremonie. Er bestätigte, dass die Kompositionen als Volksmusik sehr wahrscheinlich nicht mehr urheberrechtlich geschützt seien. Da Musik jedoch vom Band kam, sei die Aufnahme an sich geschützt. “Eine Schande!” rief er aus und erzählte, dass er von einem Projekt gehört habe, Freie Aufnahmen mexikanischer Volksmusik zu erstellen.

Freie-Inhalte-Nerd-Gequassel halt.

#Wikimania 2015 // Workshop Erklärvideos mit @simpleshow und @wikimediaAT

cartoon explanation photo
Photo by Internet Archive Book Images

Mexiko-Stadt, 17. Juli 2015

Am Vortag der Konferenz Wikimania 2015 hatte Wikimedia Österreich einen Workshop zusammen mit der SimpleShow Foundation organisiert. Die simpleshow foundation ist eine Non-Profit-Organisation der simpleshow GmbH. Während die GmbH für zahlende Auftraggeber produziert, bietet die Foundation ihre Dienste Non-Profit-Organisationen an. Der Schwerpunkt liegt dabei auf kurzen Erklärvideos, die komplexe Sachverhalte in kurzer Zeit für jeden verständlich vermitteln. Geförderte Inhalte werden unter einer Creative Commons-Lizenz publiziert und sind frei verfügbar.

Der Workshop ist Teil des von Wikimedia Österreich, Wikimedia Schweiz und Wikimedia Deutschland betriebenen Projekts Wikipedia:Erklärvido.

Bei der Herstellung der Videos wird bewusst auf wenige Elemente reduziert:

  • ausgeschnittene Zeichnungen
  • sichtbare Hände, die die Zeichnungen bewegen
  • Stop-Motion-Animationen der Zeichnungen
  • eine Erklärstimme
  • Musik
  • Geräusche

Diese Elemente bieten trotzdem einen erstaunliche Vielfalt von Darstellungsmöglichkeiten bei geringem Produktionsaufwand. Der aufwändigste Teil ist die Erstellung eines Storyboards mit einfach verständlichen Texten und und leicht interpretierbaren Visualisierungen. Der Produktionsprozess ist hier dokumentiert. Hier ein Beispiel für ein Erklärvideo:

Nach diesem Workshop habe ich große Lust, das auch mal auszuprobieren.

Und hier die Vortragsfolien zum Download (PDF; 30,9 MB).

#Wikimania 2015 // Hackathon

Mexiko-Stadt bei Nacht aus dem 19. Stock des Hilton Mexiko Cit Reforma
Mexiko-Stadt bei Nacht vom Balkon des Fiesta Inn

Mexiko-Stadt, 17. Juli 2015.

In den vergangen zwei Tagen füllte sich das Hilton Mexico City Reforma mit Konferenzteilnehmern aus aller Welt. Ich nahm an einer der Vorkonferenzen teil, einem Hackathon.

Dort konnte ich meine Erfahrung als Produktmanager und Projektmanager anbringen. Ich will in nächster Zeit helfen, einen Governance-Prozess für MediaWiki, der grundlegenden Software der Wikipedia einzurichten. Zur Zeit gibt es keine gesteuerte Entwicklung. Jeder macht, wozu er lustig ist (= Programmierer-zentrierte Softwareentwicklung). Gottseidank gibt es einen ausreichenden Prozess zur Qualitätssicherung.

An den benachbarten Tischen wir tatsächlich programmiert, oder übersetzt, oder qualitätsgesichert. Die kulinarische Versorgung ist ausgezeichnet.

Bericht aus London #wikimania2014

Teilnehmer an der Eröffnungsveranstaltung der Wikimania 2014 in London. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-SA-3.0
Teilnehmer an der Eröffnungsveranstaltung der Wikimania 2014 in London. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-SA-3.0

Zwei randvolle Tage Wikimania liegen hinter mir, zwei weitere folgen. Hier ein Zwischenbericht.

Donnerstag Abend bin ich in London angekommen und fand meinen Weg zum Hotel Dank der Beschreibung auf Website der Wikimania ganz gut: Mit den Gatwick-Express zu Victoria-Station, dann mit der blauen U-Bahn nordwärts, umsteigen und dann mit der schwarzen U-Bahn südwärts. Die Station Old Street hat vier Ausgänge – ich nahm den, an dem “Barbican” stand, denn “Barbican” (deutsch Barbakane – ein dem Tor einer Burg oder Stadtmauer vorgelagertes Verteidigungswerk) ist Bestandteil des Namens des Hotels “Thistle City Barbican Hotel” , wie des Veranstaltungsortes “Barbican Centre“. Laut Beschreibung sollte von der Old Street rechts abbiegen und käme dann mehr oder weniger geradezu zum Hotel. Aber in welche Richtung sollte ich der Old Street folgen? Ich hatte zudem keinen Internetzugang mit meinem Handy – so konnte ich die Kartenfunktion nicht nutzen. An einer Bushaltestelle sah ich einen Umgehungsplan. Leider umfasste dieser nicht die Straße, an der das Hotel liegt. Ein freundliches Gespräch mit zwei Dresdner Touristen verhalf mit zu dem Hinweis, dass eine Straßenecke weiter eine Telefonzelle sei, an der es kostenloses WLAN gäbe.

Ein Blick auf die Karte und ich hatte meine Marschroute. Die Veranstalter hatten ein gutes Händchen bei der Wahl der Location. Alles findet in der City of London statt, dem historischen Zentrum der Stadt. Ein lebendiges, geschäftiges Viertel, in dem Angestellte, Bewohner und Touristen herumquirlen. Am Wegesrand gibt es pittoreske mittelalterliche Kirchen, ein- bis zweistöckige, mehrhundertjährige Gebäude, kleine Parks, aber auch Plattenbauhochbauten. In den Sichtachsen grüßen Landmarken wie St Paul’s Cathedral und The Shard. Auffällig ist die Allgegenwart von eisernen Zäunen. Das Hotel ist gut; vor dem Eingang stand eine große Gruppe Wikimedianer und schnatterte, dass man es drei Straßen weit hörte.

Den Freitagmorgen startete ich mit einem Full English Breakfast.

Board Training Workshop

Dann nahm ich von 9:00 bis 18:00 an einem Trainingsworkshop für Vorstands- bzw. Präsidiumsmitglieder 1 von Wikimedia-Chaptern teil.

Development House, London. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-SA-3.0
Development House, London. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-SA-3.0

Der Workshop fand in einem Besprechungsraum im Tiefgeschoss des Development House statt, in dessen vierter Etage das britische Wikimedia-Chapter sein Büro hat.

An meinem Vierer-Tisch saßen Vertreter aus Finnland, Polen, der Schweiz und Italien an anderen Tisch welche aus der Ukraine, Israel, Österreich, Australien, Indonesien und so weiter. Der erste Teil des Workshops wurde von Mike Hudson von Compass Partnership bestritten, die Wikimedia UK durch Beratung zu mehr Professionalität verholfen hatten.

Themen (Auszug)

Die wiederkehrenden Stufen der Entwicklung eines Präsidiums

  • Gründungsphase
  • Frühes Wachstum
  • Anstellung von Mitarbeitern
  • Reifende Organisation
  • Erwachsene Phase

mit jeweils Phasen der Unsicherheit dazwischen.

Die zehn wichtigsten Rollen des Präsidiums

  1. Vision, Mission und Werte definieren und anpassen
  2. Strategie entwickeln und Erfolg messen
  3. Richtlinien einführen und überwachen
  4. Finanzielle Basis sichern und überwachen
  5. Rechnungslegung sicherstellen
  6. Geschäftsführer auswählen und unterstützen
  7. Risiken managen
  8. Rechtliche Lage absichern
  9. Lenkungsformen (Governance) einführen und regelmäßig prüfen
  10. Verständnisvolle und weise Entschlüsse fassen

Die Grundlagen einer guten Lenkung durch das Präsidium

  1. Gut als Team arbeiten
  2. Effektivität der Besprechungen sicher stellen
  3. Das notwendige Wissen und die notwendigen Erfahrungen haben
  4. Auf die Strategie fokussieren
  5. Mit Offenheit und Vertrauen agieren

Womit könnte man die Qualität der Arbeit des Präsidiums sicher stellen?

  • Feedback nach Besprechungen
  • Bewertung des Vorsitzenden
  • Selbstrevision (auch mit externen Beratern)
  • Individuelles Feedback
  • Unabhängige Beurteilung (Governance Review)

Charakteristiken wirklich effektiver Präsidien

  1. die kritischen Funktionen sind kristallklar festgelegt
  2. angemessene Gremiumsstruktur, die die Governance-Arbeit durchführt
  3. Mitglieder, die nach Fähigkeiten und möglichen Beiträgen ausgewählt werden
  4. Extrem gute Zusammenarbeit als Team
  5. stramme Durchführung des Governance-Prozesses
  6. das Präsidium akzeptiert die Strategie und überwacht streng die Umsetzung
  7. Vorsitzender und Geschäftsführer arbeiten partnerschaftlich zusammen
  8. die Arbeit des Präsidiums wird regelmäßig bewertet

Die theoretischen Vorträge wurden durch mehrere praktische Übungen ergänzt.

Den Zweiten Teil bestritt Prof. Dariusz Jemielniak, unter anderem Mitglied des Funds Dissemination Committee (FDC) der Wikimedia Foundation.

Zunächst stellte er die Arbeit des FDC vor. Dieses Freiwilligengremium nimmt die Finanzpläne so unterschiedlicher Organisationen wie der Wikimedia Foundation, von Wikimedia Deutschland oder Wikimedia Israel entgegen, prüft und bespricht sie in einem drei- bis viertägigen Sitzungsmarathon und bestätigt oder kürzt dann die Zuweisung von Spendenmitteln. Dazu gibt es eine knappe Erläuterung für die Antragstellern. Meine skeptischen Fragen zu diesem Prozess wurden mit einiger Aufregung registriert. Ich würde gern mehr darüber wissen.

Dann stellte Dariusz Techniken und deren Anpassungen für die Arbeit eines Präsidiums an der Strategieplanung vor, zum Beispiel die SWOT-Analyse. Des weiteren wurden Beispiele für Firmen und Organisationen besprochen, deren strategische Aufstellung fehlschlug, wie Polaroid oder Kodak.

Der dritte Teil drehte sich um die weit verbreitete Überlastung der Präsidiumsmitglieder und daraus folgende Burnouts. Zuvor hatte es eine Umfrage unter den Teilnehmern gegeben, die folgendes zeigte

  • 1 bis 5 Jahre Gremiumsmitarbeit
  • 2/3 haben Angestellte
  • für die meisten sind die inhaltlichen Anforderungen wie erwartet
  • für viele ist die zeitliche Belastung deutlich höher als erwartet
  • den meisten macht die Arbeit im Gremium Spaß
  • die Gründe dafür sind: Einfluss, Auswirkungen der eigenen Arbeit, die Zusammenarbeit mit talentierten Leuten

Mein Fazit des Workshops

Ich bin auf ein paar Punkte gestoßen, die neu für mich waren, zum Beispiel der Gedanke, dass die Arbeit von Freiwilligen in einem Gremium wie dem Präsidium durchaus gemessen und bewertet werden kann und muss.

Des weiteren verstehe ich jetzt einige Äußerungen von ehemaligen Präsidiumsmitgliedern wie Sebastian Moleski, Alice Wiegand oder Delphine Menard wie auch des Vorstandes Pavel Richter zum Thema Governance. Zuvor fehlte mir theoretische Hintergrund, was ich auch durch Lektüre etlicher Literatur nicht ausgleichen konnte. Sehr schade, dass ich erst jetzt zu diesem Wissen komme – es hätte vieles vereinfacht und manches hätte ich anders entschieden, wenn ich das eher zur Verfügung gehabt hätte. Ich hatte schon länger das Gefühl, dass mir Informationen fehlen, aber die Fragen nach passenden Schulungen wurden ignoriert. Ich werde mich dafür einsetzen, dass künftige Präsidiumsmitglieder ausreichend geschult werden, damit ihre Arbeit dem Verein bestmöglich dienen kann.

Außerdem war es sehr interessant, mit Mitgliedern anderer Boards zu sprechen. Ich hoffe ich konnte einigen die Scheu vor dem vergleichsweise gigantischen Wikimedia Deutschland nehmen.

Eröffnungsveranstaltung

Zur rechten Zeit verließen wir das Tiefgeschoss und lüfteten unsere rauchenden Köpfe bei einem Fußmarsch zum Veranstaltungsort der Wikimania 2014. Das Barbican Centre ist eine gigantische Veranstaltungsort-Maschine aus Stahl und gekratztem Beton aus den 1970er Jahren. Die Queen eröffnete 1982 dieses größte Kultur- und Konferenzzentrum Londons, Sitz des London Symphony Orchestra.

Nach Anmeldung, einem Snack und ein paar dünnen Bierchen öffneten sich die Türen zum großen Saal, den rund 1.600 Wikimediane aus 68 Ländern nahezu füllten.

Es gab zunächst Reden des Veranstaltungsorganisators Edward Saperia (sorry, er kann besser organisieren als reden) und des Geschäftsführers von Wikimedia UK Jon Davies (sympathisch).

Dann kam Jimbo Wales, der die Wikimania-Rituale durchführte (Wer ist zum ersten Mal auf einer Wikimania? – Die überwiegende Mehrheit) und recht knapp programmatisches besprach.

Er ging auf den gegenwärtigen Missbrauch des “Rechts auf vergessen werden” ein, wie auch auf den Rechtsstreit darum, ob der Besitzer der Kamera, der Affe oder niemand das Urheberrecht an einem Foto hat, dass der Affe von sich selbst gemacht hat.

Stroopwafel selfie. Foto: AlisonW, CC0-1.0 via Wikimedia Commons
Stroopwafel selfie. Foto: AlisonW, CC0-1.0 via Wikimedia Commons

Dann wie er darauf hin, welche Macht die Wikimedia Bewegung inzwischen hat, dass sie diese aber weise einsetzen muss.

Dann hielt die neue Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation Lila Tretikov ihre erste Rede vor versammelter Mannschaft. Der warme Applaus konnte nicht über ein wenig Fremdeln hinwegtäuschen. Das wird schon.

Die begeistert aufgenommene Keynote hielt Salil Shetty, Generalsekretär von Amnesty International.

Dieser anstrengende, aber sehr befriedigende und anregende Tag klang mit den Bläsersätzen einer mitreißenden Band aus, die “traditionelle englische Musik” spielte, also Rolling Stones, Elton John, Electric Light Orchestra und so.

Notes:

  1. Nur bei Wikimedia Deutschland heißt der Vorstand “Präsidium”. Die englische Bezeichnung lautet “board”. Ich werde im Folgenden “Präsidium” verwenden

Mein Plan für die #Wikimania 2014 in London

Teilnehmer der Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania in Hongkong. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Teilnehmer der Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania in Hongkong. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Einmal jährlich findet irgendwo in der Welt die Wikimania statt.

Wikimania ist eine Konferenz, ein Festival, ein Treffpunkt, ein Workshop, ein “Hackathon” und eine Party mit mehr als 2.000 Teilnehmern, verteilt auf fünf Tage im August 2014.

Wikimania ist das offizielle Jahresereignis der Wikimedia-Bewegung. Du kannst hier alle möglichen Projekte kennen lernen, die mit Wikis und Freien Inhalten erstellt werden, und du kannst die Gemeinschaft kennen lernen, die das bekannteste aller Wikis geschaffen hat, Wikipedia! 1

Die ersten Wikimania fand 2005 in Frankfurt am Main statt und ich war dabei! Die folgenden ließ ich aus, aber ab 2011 war ich als Präsidiumsmitglied von Wikimedia Deutschland wieder zu Gast in Haifa (Israel), Washington (USA), Hongkong (China) und in diesem Jahr in London (Vereinigtes Königreich).

Zur diesjährigen Wikimania gibt es ein Extrablatt des Wikipedia Kuriers. Lesenswert!

Inzwischen wurde das Konferenzprogramm veröffentlicht und ich habe mir einen groben Plan zurecht gebastelt:

Freitag, 8. August 2014

10:00 How I Wrote an Article for Another Encyclopedia, and How It Compares to Wikipedia

Worum geht es? Ein Bericht eines erfahrenen Wikipedianers in einer anderen, “geschlossenen” Enzyklopädie.

Warum will ich da hin? Wegen des Vergleichs der offenen Arbeitsweise mit der geschlossenen. Als Wikipedianer ist man die offene Arbeitsweise gewöhnt, aber für Menschen ohne Wikipedia-Hintergrund ist das nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln.

10:30 Common Knowledge? An Ethnography of Wikipedia (On Trust, Distrust, Betrayal and Loyalty)

Worum geht es? Über den Wert von Vertrauen in der Zusammenarbeit von Wikipedianern

Warum will ich da hin? Ohne Vorschussvertrauen in die Gutwilligkeit und Kompetenz der einem zunächst völlig unbekannten Mitautoren kann die Zusammenarbeit in der Wikipedia nicht funktionieren. Dass es funktioniert ist mir immer noch ein Mysterium und ich bin neugierig zu hören, was darüber heraus gefunden wurde.

11:30 Image by Wikipedia

Worum geht es? Über die überwiegend fehlende Attribution von Bildern im Internet

Warum will ich da hin? Die fehlenden Quellen- und Lizenzangaben an Bildern und anderen Medien sind ein wesentlicher Mangel im gegenwärtigen World Wide Web. Die meisten Benutzer können darum Medien nicht nachnutzen, ohne sich im Zweifel sogar strafbar zu machen, da ihnen das Spezialwissen fehlt, Lizenz und Quelle zu ermitteln. Auf der anderen Seite kümmern sich auch die großen Inhalte-Anbieter im Netz kaum um die fehlenden Angaben – auch in der Wikipedia fehlen an den Bilder die Angaben – man findet sie erst, wenn man auf das Bild klickt – und auch dort nicht sofort. Wie Mats Schöner im BILDblog aufzeigt, kümmern sich auch führende Medienhäuser in Deutschland nicht um die Herkunft der von Ihnen verwendeten Bilder – da werden Fotos von Opfern eines Flugzeugabsturzes für die Illustration eines Propoganda-Artikels gegen Wladimir Putins einfach von deren Facebook-Seite gestohlen.

12:00 How to stay out of jail and still use images from Wikimedia Commons

Worum geht es? Über die rechtlichen Folgen fehlender oder fehlerhafter Attribution von Bildern im Internet

Warum will ich da hin? Dass das ganz schön teuer werden kann, hatte ich in einem früheren Artikel aufgezeigt. An dem Vortrag interessiert mich der internationale Vergleich.

12:30 Crazy Contentious Copyright Challenges Constraining Community Creativity

Worum geht es? über den Einfluss der noch völlig unzureichenden Gesetzeslage für Urheberrechte im Internet auf Freies Wissen

Warum will ich da hin? Der internale Vergleich interessiert mich. Wie viel besser oder schlechter ist es anderswo? Was kann man davon lernen?

14:30 Beyond talk pages: discussing content in 2020

Worum geht es? Gedanken zu Ergänzungen oder Ersatz für die von vielen als unzureichend erachteten Diskussionsseiten in der Wikipedia

Warum will ich da hin? Die Diskussionsseiten werden von etlichen langjährigen Wikipedianern als ausreichend erachtet. Ich sehe aber vor allen drei Schwächen: 1. Sie versagen völlig bei sehr langen Diskussionen mit vielen Teilnehmern, 2. Wenn sich Diskussionsstränge aufteilen, kann man der Diskussion kaum mehr folgen, 3. Neulinge sind mit der Technik völlig überfordert. Man muss Wikisyntax beherrschen, um mitdiskutieren zu können. Sehr gute Diskussionstechniken gibt es im Netz zu Hauf. Die Herausforderung ist die Transition vom bestehenden System zu einem neuen. Ich bin gespannt, wie man die gegensätzlichen Interessen unter einen Hut bekommen wird.

14:40 Measuring community health: Vital signs for Wikimedia projects

Worum geht es? Das Wikimedia Foundation Analytics Team berichtet über seine Bemühungen, mit standardisierten Metriken die Auswirkungen von Projekten zu messen

Warum will ich da hin? Wie misst man den Erfolg von Projekten und Maßnahmen in der Wikimedia Bewegung? Zur Zeit werden Standards dafür gesetzt. Das will ich mir einmal näher ansehen.

16:30 The state of wikiHow

Worum geht es? Es wird “wikiHow” vorgestellt, ein Nicht-Wikimedia-Projekt zur Erstellung und Verbreitung Freien Wissens in Form von Anleitungen aller Art.

Warum will ich da hin? Das kenne ich noch nicht. Es gibt mehrere kommerzielle und Freie Plattformen mit dem gleichen Konzept. Mich interessiert zu wissen, was wikiHow aus der Masser heraus hebt.

17:00 Lives and deaths of Wikimedia projects in a minority language

Worum geht es? Das Leben und Sterben von Wikimedia-Projekten in Minderheitensprachen.

Warum will ich da hin? Es gibt allein in Deutschland elf Minderheitensprachen. Zur Zeit haben die keine Lobby. Ich würde gern sehen, dass Wikimedia Deutschland sich für Wikimedia-Projekte in den Minderheitensprachen Deutschlands einsetzt. Vielleicht kann ich hier Kontakte knüpfen.

17:30 Open Data Portal Austria

Worum geht es? Zusammen mit der Open Knowledge Foundation Austria under Kooperation Open Government Data Austria will Wikimedia Österreich ein regierungsunabhängiges Portal für Offene Daten betreiben

Warum will ich da hin? Ich habe noch nie etwas davon gehört und bin sehr neugierig, was da entsteht. Es wäre schön, wenn wir für Deutschland etwas davon lernen könnten.

Samstag, 9. August 2014

Den Samstag Morgen beginne ich mit dem Hören von Reden interessanter Leute:

9:30 Featured Speakers V Platform: Erik Moeller, VP of Engineering at WMF

10:00 Featured Speakers V Platform: Showcase ALL the (cool) things!Marc A. Pelletier, Wikimedia Tool Labs Engineer

10:30 Featured Speakers V Platform: Raph Koster, Author “A Theory of Fun”

Worum geht es? Es ist immer interessant, interessanten Leuten zuzuhören.

Warum will ich da hin? Da keiner der anderen Track ausreichend Neues für mich bietet (ich bitte bei den Vortragenden um Entschuldigung), höre ich gern hier zu.

11:00 Wikimedia Commons – Needs and wishes for the perfect Wikimedia media database.

Worum geht es? Es sollen Wünsche für die Änderung der Benutzeroberfläche von Wikimedia Commons gesammelt werden.

Warum will ich da hin? Weil ich persönlich unter den miserablen Benutzerfreundlichkeit von Wikimedia Commons leide. Sowohl als Beitragender, wie auch als Nutzer. Ich hoffe, ich kann ein paar Anregungen vermitteln.

12:30 Will we still need categories in times of Wikidata?

Worum geht es? Brauchen wir in Zeiten von Wikidata noch Kategorien?

Warum will ich da hin? Weil die Antwort “NEIN!!!” lautet. Wir brauchen Tags. Wenn ich ein Foto der Orgel in der St. Marien-Kirche in Stralsund suche, will ich mich nicht durch den Kategorie-Baum Stralsund > Culture of Stralsund > Cultural heritage of StralsundPipe organs in Stralsund > Organs of St Marien in Stralsund > Stellwagen-Orgel Stralsund klicken, sondern die Tags “Orgel” und “Stralsund” kombinieren und dann schon die ersten Ergebnisse sehen.

14:30 Cooperation between the chapters: lessons from the past

Worum geht es? Ziko van Dijk berichtet über Erfahrungen aus der Zusammenarbeit von Wikimedia Chaptern.

Warum will ich da hin? Ich finde es sehr schade, wie relativ schwach die Zusammenarbeit der Wikimedia Chapter ausgeprägt ist. Immerhin gibt es Chapter schon seit zehn Jahren. Ziko ist ein streitbarer Geist und in diesem Feld sehr stark engagiert. Ich bin mir sicher, dass ich wichtige Informationen erhalte und hoffe, dass die Zusammenarbeit der Chapter in Zukunft verstärkt wird.

15:00 The role of the media in the development of Wikipedia

Worum geht es? Der Präsentator Itzik Edri spricht über die Notwendigkeit, mit den Medien in Kontakt zu bleiben, auch wenn “doch jeder die Wikipedia kennt”, und wie jeder Freiwillige das tun kann.

Warum will ich da hin? Ich erlebe ständig in meinem Umfeld, dass selbst erfahren Onliner völlig ahnungslos über die Funktionsweise der Wikipedia sind. Es ist wichtig, Meinungsbildnern und Multiplikatoren diese Funktionsweisen klar zu machen, um die Idee Freien Wissens zu stärken.

15:30 Liquid Lobbying – How could Wikimedia change EU copyright?

Worum geht es? Dimitar Parvanov Dimitrov, “unser Wikimedianer in Brüssel”, spricht über die Möglichkeiten für die Wikimedia Bewegung, Einfluss auf die Gestaltung des EU-Urheberrechts zu nehmen.

Warum will ich da hin? Dimi leistet für uns Großartiges bei der EU. Das ist in der Wikimedia Bewegung leider weitgehend unbekannt. Ich hoffe, dass mit dieser Veranstaltung mehr Wikimedianer über Dimis Arbeit erfahren und ihn unter Umständen mehr unterstützen.

 16:30 VisualEditor – helping users edit more easily

Worum geht es? James Forrester (Product Manager, VisualEditor team, Wikimedia Foundation) und Trevor Parscal (Lead Front-End Engineer, Wikimedia Foundation) stellen die Arbeit am VisualEditor vor. Dieses Tool soll die Möglichkeit bieten, die Wikipedia zu bearbeiten, ohne WikiSyntax beherrschen zu müssen. Dabei wollen sie auch ihre Entscheidungen für bestimmte Features nachvollziehbar machen.

Warum will ich da hin? Die Einführung des VidualEditors in die verschiedenen Wikipedias ist kontrovers diskutiert worden. Ich würde gern die Menschen hören und sprechen, die das Tool am besten kennen.

17:00 It’s Alive! The Joy of Real-Time Collaboration

Worum geht es? Erik Moeller (Deputy Director and VP of Engineering and Product Development, Wikimedia Foundation) stellt Möglichkeiten vor, die sich für die Online-Zusammenarbeit aus neuen Erweiterungen der Wikipedia ergeben könnten, die man aus Google Docs oder EtherPad kennt.

Warum will ich da hin? Ich bin der Meinung, dass die Wikipedia durch die veraltete Oberfläche von MediaWiki ins Hintertreffen geraten ist. Ich freue mich, dass meine Ansicht an der Spitze der MediaWiki-Entwicklung geteilt wird.

17:30 Real-time Collaborative Editing with TogetherJS

Worum geht es? Die MediaWiki-Erweiterung TogetherJS ermöglicht die Auflösung des uralten Konflikts, wenn zwei oder mehr Autoren nahezu gleichzeitig einen Wikipedia-Artikel bearbeiten: Die Arbeit dessen, der zuerst speichert gewinnt, der andere Autor muss seine Änderungen mühsam in die Arbeit des anderen integrieren.

Warum will ich da hin? Ich schaue gern ein wenig in den Maschinenraum.

Sonntag, 10. August 2014

9:30 Wikidata – current state and Q&A

Worum geht es? Den Stand der Entwicklung von Wikidata.

Warum will ich da hin? Wikidata wird in der Geschäftsstelle von Wikimedia Deutschland entwickelt und ist eine der größten Innovationen der letzten Jahre.

10:00 The opportunities and challenges of Wikidata

Worum geht es? Die Möglichkeiten und Herausforderungen, die mit Wikidata einher gehen.

Warum will ich da hin? Ich sehe in Wikidata eine gigantische Bereicherung für Freies Wissen. Strukturiertes Wissen wird in der Wikipedia mühsam mit Behelfstechnologien simuliert. Nachdem Wikidata langsam dem Säuglingsalter entwächst, bin ich gespannt auf die Sicht anderer auf die neuen Möglichkeiten.

10:30 A data and developer hub for Wikimedia

Worum geht es? Etwas versteckt in der Agenda wird hier eine wichtige Schwerpunktsetzung der Wikimedia Foundation präsentiert: Die Zuwendung an Entwickler, die die Software der Bewegung entwickeln oder das erstellte Freie Wissen mit ihrer Software verbreiten könnten.

Warum will ich da hin? Wenn ich in den letzten Jahren an die Betreuung der freiwilligen Entwickler dachte (eigentlich die “Nicht-Betreuung”) musste ich immer an den Adenauer zugeschriebenen Ausspruch denken: “Kinder kriegen die Leute immer.”; das wäre hier: “Freiwillige Entwickler für unsere Software kriegen wir immer”. So ist es aber nicht. Ich freue mich, dass hier die Initiative ergriffen wird und hoffe, dass nicht Dilettantismus alles versaut wird.

11:30 WikiCredit – Calculating & presenting value contributed to Wikipedia

Worum geht es? Das Messen des Beitrag jedes einzelnen Beitragenden an der Wikipedia.

Warum will ich da hin? Das ist ein interessante Herausforderung für Mathematiker und Statistiker. Ich freue mich auf ein wenig Zahlenjonglage.

12:00 The Wikipedia Adventure: Play with Learning

Worum geht es? Gamification der Erstellung Freien Wissen.

Warum will ich da hin? Sie hatten mich schon bei “Gamification” 😉 Ich hoffe mehr Projekte wie das Wikidata-Game kennen zu lernen.

12:30 Using the Mass upload tool to copy GLAM collections to Commons

Worum geht es?  berichtet über Erfahrungen mit einem speziellen Tool für Projekte, um massenhaft Fotos auf Wikimedia Commons hoch zu laden.

Warum will ich da hin? Ich verwende Commonist, um meine Bilder auf Wikimedia Commons hoch zu laden, da es das einzige mir bekannte Tool ist, dass GPS-Daten nicht aus den Meta-Daten der Bilder löscht. Ich bin gespannt, von den Erfahrungen anderer zu hören.

14:30 We Need to Talk About Paid Editing… Sorting Out Wikipedia’s Most Enduring Argument

Worum geht es? Eines der Gebote der Wikipedia ist, dass Autoren nicht bezahlt werden. Es gibt aber bezahlte Autoren.

Warum will ich da hin? In Deutschland wird über dieses heikle Thema schon einige Jahre offen diskutiert. Ich bin gespannt darauf, was in anderen Ländern los ist.

Und übrigends…

…werde mich wohl weitestgehend an diesen Plan halten. Wenn sich jedoch ein interessantes Gespräch mit anderen Besuchern der Wikimania ergibt oder ein anderer Vortrag nach näheren Besehen spannender ist als der geplante, dann entscheide ich ohne Hemmungen operativ um.

Notes:

  1. Zitat von der Startseite der Wikimania 2014 Website

Wikimania 2013 in Hongkong, 1. Tag

Teilnehmer der Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania in Hongkong. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Teilnehmer der Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania in Hongkong. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Der erste offizielle Tag der Wikimania 2013 ist vorüber und die Konferenz ist wieder völlig überwältigend. Hunderte Menschen aus Dutzenden Ländern mit Tausend Geschichten. Und alle offen für Gespräche.

Hongkong

Hongkong ist eine überaus freundliche Gastgeberstadt; die Organisatoren haben sehr gute Arbeit geleistet. Die Polytechnische Universität ist ein hervorragend geeigneter Veranstaltungsort in perfekter Lage. Wenn es nur nicht gerade August wäre – bei 35°C im Schatten und 95% Luftfeuchtigkeit funktioniere ich einfach nicht richtig. Im Gegensatz zu Deutschland ist man hier aber nicht überrascht, dass es im Sommer warm wird und betreibt ein funktionierendes System an Klimaanlagen. Ich wurde Zeuge, wie ein Vortragsraum geräumt wurde, weil die Klimaanlage als zu schwach angesehen wurde. Die Räume sind exzellent ausgestattet mit Beamern, Whiteboards und Soundanlage. Das WLAN ist freilich nur auf ca. 15 Nutzer pro Raum ausgelegt – das stößt bei bis zu 40 Internetabhängigen (mit meist mehreren Geräten) dann schon mal an seine Grenzen.

Was für mich leider gar nicht funktioniert ist der zentrale Treffpunkt, der unter einem sehr hohen Glasdach im Freien festgelegt wurde. Dort stehen Tische, es werden Speisen und Getränke ausgegeben und man könnte sich stehend und sitzend unterhalten – wenn nur nicht die brennende Sonne einem das Gehirn dörren würde. Die großartige Idee des Chapters Village kommt schlecht zur Geltung, da nicht alle längeren Aufenthalte im Freien positiv gegenüber stehen. Die Menschen, die an den Tischen für Gespräche bereit stehen, tun mir aufrichtig Leid.

Meinen persönlichen Veranstaltungsplan habe ich treu befolgt und wurde nicht enttäuscht. Es bleibt nicht aus, dass man andere interessante Vorträge verpasst, aber ich habe immer jemanden gefunden, der mir ein paar Eindrücke aus den anderen Vorträgen vermitteln konnte und die Vortragsfolien sollen demnächst alle über die Website der Wikimania 2013 abrufbar sein.

Eröffnung

Die Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania  begann mit chinesischer Drachenartistik. Der sympathische Cheforganisator Jeromy-Yu Chan, flankiert unter anderem von Jimbo Wales, Jan-Baart de Vrede, Kat Walsh und Sue Gartner fütterte den einen Drachen – das soll vermutlich Glück bringen. Ein phantastisches Motiv für die Fotografen, wogegen die Wand aus deren Rücken für die Zuschauer eher mittel-interessant war. Danach sprangen die beiden Drachen mit beeindruckender Kunstfertigkeit auf der Bühne hin und her, bis sich der eine betrank und nicht mehr auf die Beine kam.

saveMLAK

Die Begrüßungrede des Hongkonger Informationsministers Daniel Lai war herzlich, informativ (über 18.000 WLAN-Hotspots auf dem Gebiet Hongkongs) und erfreulich kurz. Die Keynote wurde von Makoto Okamoto gehalten, der in Japan mit dem Projekt saveMLAK die Wiederherstellung von Museen, Bibliotheken, Archiven und Kominkans nach dem 2011er Erdbeben und Tsunami von Tōhoku betreibt.

Jimmy Wales

Die Eröffnungsrede des eloquenten Wikipediagründers Jimmy Wales enthielt zahlreiche zum Nachdenken anregende Punkte. Er unterstützte nachdrücklich Julian Assange und Edward Snowden.

Jimbo schlug vor, sich kleineren Wikipedias zuzuwenden, deren Sprache man ein wenig beherrscht und dort Hilfe anzubieten. Es gibt anderen Arbeit, als Artikel zu schreiben.

Er ernannte den, leider nicht anwesenden, Rémi Mathis zum Wikipedianer des Jahres. Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI hatte Rémi 2013 gezwungen, den bestehenden Artikel zu der völlig unbedeutenden militärischen Funkstation Pierre-sur-Haute in der Wikipedia in französischer Sprache zu löschen. Als das bekannt wurde, wurde der Artikel nicht nur wiederhergestellt, sondern in 29 Sprachen übersetzt.

Zuletzt sprach er von einem Projekt, über das er gerade nachdenkt. Es geht dabei um Online-Journalismus. Er hat jedoch derzeit nur eine Mailingliste aufgesetzt. Das sei eine Erfahrung aus dem Wikipedia-Vorgänger Nupedia: Mailinglisten eignen sich hervorragend für Projekte in der Frühphase.

Es wird interessant sein, zu beobachten, ob Jimbo mit den Erfahrungen aus der Zeit des Aufbaus der Wikipedia ein neues Projekt aus dem Nichts erschaffen kann.

Bye Sue

Nach Jimmy Wales Rede folgte eine sehr nette Verabschiedung der scheidenden Geschäftsführerin Sue Gardner. Sue hat die Geschäftsstelle der Foundation aufgebaut und somit wesentlich dazu beigetragen, das die Wikimedia Foundation das wurde, was sie heute ist. Einen Gedanken konnte ich mir nicht verkneifen: Ich weiß manchen scheidenden Wikipedianer, dem ich einen ähnlichen Abschied gewünscht hätte.

Anschließend beobachtete ich noch ein wenig die Pressekonferenz, bis es Zeit war, zur ersten Session des Tages aufzubrechen.

Evaluation of GLAM-Outreach Activities

Meine erste (offizielle) Session war ein vom Schweizer Forscher Beat Estermann geleiteter Workshop zum Austausch von Erfahrungen von Botschaftern des Freien Wissens in Galerien, Bibliotheken, Archiven, Museen und so weiter.

Eine interessante Erkenntnis war die Gewinn für Freiwillige, deren Ansehen in ihrem sozialen Umfeld steigen kann, wenn “der Computerfreak” zu Empfängen öffentlicher Einrichtungen mit Begleitung eingeladen wird.

Auch schön die Motivation für Professoren, Studenten Arbeiten für die Wikipedia schreiben zu lassen: Statt in jedem Jahr dasselbe Thema zu behandeln, wird jedes Mal ein anderes der über 20.000 Genome als Arbeitsstoff ausgewählt. So kommt keine Langeweile auf.

Lightning Talks

Bei diesem offenen Format kann jeder der will, einen Vortag halten. Wenn das Publikum kein Interesse mehr hat, ist der Vortrag zu Ende.

Zunächst sprach der Kanadier Chris Woodrich, den ich für einen Indonesier hielt. Mich entschuldigt, dass er tatsächlich seit einigen Jahren in Indonesien lebt und ein traditionelles Batikhemd trug.

Kanado-indonesischer Wikipedianer. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Der kanado-indonesischer Wikipedianer Chris Woodrich. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Gedanken, die ich mit mitgenommen habe:

1. Man kann auch Quellen in Fremdsprachen verwenden. Insbesondere, wenn man Artikel aus anderen Wikipedias in die eigene überträgt und übersetzt muss man sich nicht Ersatz-Quellen in der eigene Sprache suchen, sondern kann die Originalquellen verwenden, die im besten Fall um eine Übersetzung erweitert wurden.

2. Bei Übersetzung sollte man bestimmte Begriffe erläutert. Beispiel: Wenn ein Amerikaner in Yale studiert hat, versteht jeder, was das bedeutet, und warum das erwähnt wird. Das die Xaverius in Indonesien einen ähnlichen Ruf hat, bedürfte in der Wikipedia in deutscher Sprache der Erläuterung.

Als nächste sprach der Brite Adam Cuerden, den ich für einen Australier hielt. Mich entschuldigt, dass er mit Krempenhut und Rauschebart aussah, wie die Typen, die auf RTL2 möglichst giftige Tierchen am Schwanz packen und in die Kamera halten.

Kein Australier: Der Brite Adam Cuerden. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Kein Australier: Der Brite Adam Cuerden. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Sein Thema war die malade Unterstützung von Tonaufnahmen in den Wikipedias. Die Beschränkung auf das Freie Format Ogg Vorbis wird nicht mit der Unterstützung allgemein bekannter Formate (MP3) flankiert.

1. Beispielsweise könnte es eine Funktion geben, dass man eine MP3-Datei hochlädt, die dann automatisch in eine Ogg Vorbis-Datei umgewandelt wird. Niedlich war die Frage einer jungen abchasischen Studentin: “Wikipedia kann nicht mit MP3 umgehen. Wann wird das repariert?” (Es gibt übrigens das Gerücht, jemand von der Foundation stünde mit den Rechteinhabern von MP3 in Verhandlungen – aber das hast Du nicht von mir. 😉

2. Wünschenswert wäre auch eine Funktion, die das direkt Aufnehmen von Sprache direkt auf der Webseite ermöglicht, wie man es von Adobe Flash kennt. So könnte die Aussprache von Fremdwörtern aufgenommen werden, da den meisten die Lautschrift nicht geläufig ist.

OpenStreetMap

Katie Filbert, zur Zeit Entwicklerin bei Wikimedia Deutschland, stellte eine ihrer Leidenschaften vor: Das Projekt OpenStreetMap (OSM). Die freie Alternative zu Google Maps und Bing Maps und einer Menge anderer ähnlicher Dienste.

Was ich gelernt habe:

1. Wenn man beitragen will, muss man nicht Häuserumrisse eintragen oder Straßenführungen hinzufügen. Es gibt Aufgaben, die weniger Übung verlangen, wie das Markieren von Standorten von Briefkästen, Restaurants und so weiter.

2. Für das iPhone empfahl Katie die App Pushpin. Ich habe sie gleich mal installiert und die Versorgung mit WLAN und die Zugänglichkeit für Rollstuhlfahrer der umliegenden, mit bekannten Gebäude der Polytechnischen Universität eingetragen.

3. OpenStreetMap ist in vielen Wikipedias eingebaut, je nachdem, ob die entsprechende Community das wünscht. Leider wird sie nur durch ein winziges Lupensymbol rechts oben auf der Seite zugänglich gemacht – dahinter verbirgt sich aber eine mächtige Kartenanwendung. Neben mir saß Kolossos, der sächsische Entwickler der Mediawiki-Erweiterung und gab ein paar spannende Tips.

4. OpenStreetMap-Karten können als dynamische Karten in Webseiten eingebaut werden, wie man es von Google Maps kennt. Nur kostenlos. Und lizenzfrei.


 

Damit waren die Sessions vorbei. Der Abend wurde aber noch lang bei Gesprächen in der OpenStreetSauna.

Mein Konferenzplan für die #Wikimania 2013 in Hongkong

Wikimania 2013 T-Shirt. Foto: Sebastian Wallroth, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/">CC-BY-3.0</a>
Wikimania 2013 T-Shirt. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Heute war der erste Tag des DevCamps im Vorfeld der Wikimania 2013 in Hongkong. Am Vormittag habe ich mehrere Personen getroffen, die ich anderen Wikimedia-Veranstaltungen kannte und mich über etliche interessante Themen unterhalten. Beim DevCamp habe ich auch ein paar neue Leute kennen gelernt und einen Vortag über die bevorstehende Implementierung von OAuth gehört.

Danach habe ich mir den Konferenzplan vorgenommen und die Veranstaltungen herausgesucht, die ich unbedingt besuchen will.

(Ich zähle hier nur die Vorträge aus den parallelen Tracks auf, an den Gesamtveranstaltungen nehme ich ja sowieso teil. Daraus und aus den Pausen ergeben sich die großen Lücken. Am Montag findet ein Open Space statt – das heißt, dass die Themen noch nicht feststehen.)

Freitag, 9. August 2013

11:30-13:00 GLAM Workshop I: Evaluation of GLAM-Outreach Activities

Hier soll es darum gehen, Lehren aus den guten und schlechten Erfahrungen der letzten Jahren mit Galerien, Bibliotheken, Archiven und Museen (engl. Galleries, Libraries, Archives, Museums; GLAM) zu ziehen und gemeinsam Pläne für die digitale Befreiung von Inhalten zu machen.

14:00-15:30 Lightning Talks II

Ein interessantes Format, bei dem sicher interessante Themen aufkommen werden.

16:00-17:30 OSM Workshop: OpenStreetMap workshop

Ein erfolgreiches Projekt für kollaborativ erstelltes Freies Wissen? Na? Genau! Open Street Map. Ich bin gespannt, ein paar technische Hintergründe zu erfahren.

17:30-22:00 OpenStreetMap mapping party

Mit Kamera und Smartphone zu OpenStreetMap beitragen? Das will ich lernen.

Samstag, 10. August 2013

11:30-12:00 Workshop IV: Flow: The future of collaboration

Einer der Chefentwickler der Wikimedia Foundation stellt das Tool “Flow” vor, mit dem die klaffende Lücke an Stelle eines geeigneten Kommunikationssystem für Beitragende und Leser der Wikipedia schließen soll. Ich bin gespannt. Wenn es das proprietäre Flow ist, das ich ein bisschen kenne, bin ich bisher nicht sehr überzeugt.

12:00-13:00 Workshop IV: Roundtable on Messaging and Discussions

An den vorhergehenden Workshop anschließend geht es mit einer Diskussion zum Thema Kommunikationstools in der Wikipedia weiter.

14:00-15:00 Legal I: Discussing Our Legal Strategy Going Forward: A Talk with the WMF General Counsel

Mögliche Updates der Datenschutzrichtlinie und Trademarkrichtlinie? Das will ich mir aus erster Hand anhören.

15:00-15:30 GLAM II – Europe: Open Database of Public Art in Sweden

In Schweden gab es keine Datenbank der öffentlichen Kunst – da hat Wikimedia Schweden angefangen eine aufzubauen. Diese Erfolgsgeschichte sehe ich mir gern an.

16:00-17:30 Future of Wikimedia I: Imagine the Wikipedia in 2022

Visionen für Wikimedia im Jahre 2022. Mal hören, was andere so träumen.

Sonntag, 11. August 2013

 11:30-12:00 Africa I: Beyond Afripedia: Mali Experience

Langsames Internet, hohe Steuern auf elektronische Geräte, viele lokale Sprachen, schlechtes Bildungssystem und keine Freiwilligenkultur. Wikimedia Mali stellt sich einschüchternd großen Herausforderungen.

12:00-12:30 Community IV – Conflict: How could companies help reach Wikimedia strategic goals?

Mutiger Vortrag: Klingt mir nach einem Plädoyer für bezahlte Autoren in der Wikipedia. Ob mich jemand davon abbringen kann, die rein freiwillige Arbeit an der Wikipedia für einen der Grundpfeiler ihres anhaltenden Erfolgs zu halten?

12:30-13:00 Technical V: Engaging users on Wikipedia

In der englischen und anderen Wikipedias wurde mit Tools experimentiert, die Autoren motivieren sollen. Hier wird vorgestellt, was die Experimentatoren dabei gelernt haben.

14:00-14:30 Legal II: Wikimedia Foundation and the Bad Apple – How Freedom of Panorama Conflict Was Handled and what can be done

Eines der Themen, die mich persönlich sehr interessieren: die Panoramafreiheit.

14:30-15:00 Future of Wikimedia III: Britannica to Wikipedia to ? Technology disruption and how we organize for the future

Aus beruflicher Sicht für mich interessant: Benutzerfreundlichkeit in der Wikipedia: Visual Editor, Diskussionssystem, Einstieg, Mobile und Multimedia.

15:00-15:30 Future of Wikimedia III: Quo vadis, Wikiquote?

Tja, wie geht es mit Wikiquote weiter? Ein interessantes Projekt, dem die kritische Masse an Autoren fehlt.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit …

… eine dicke Jacke.

Thüringer Handwerker, Bundesarchiv, Bild 183-48204-0003 / Blumenthal / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de">CC-BY-SA</a>
Thüringer Handwerker, Bundesarchiv, Bild 183-48204-0003 / Blumenthal / CC-BY-SA

Ich fliege am Freitag zur neunten Wikimania 2013 nach Hongkong. Dort herrschen tagsüber ähnliche Temperaturen wie zur Zeit in Deutschland also 30°C-35°C. Nachts fällt die Temperatur leider nur auf 27°C, nicht auf 17°C wie in Deutschland. Die Luftfeuchtigkeit ist auch ungleich höher. Außerdem kann es ergiebige Regenfälle sowie Taifune geben. Freilich ohne das die Temperaturen sinken würde.

Wie ich den von den überaus freundlichen Gastgebern zusammengetragenen Hinweisen entnehme, ist es in Hongkong üblich, die Klimaanlagen voll aufzudrehen, so dass 20°C Temperaturunterschied zwischen draußen und drinnen herrschen können. Darum soll ich eine dicke Jacke ins schwülwarme Hongkong mitbringen.

Ick freu mir.

Wikimania 2012 in Washington, D.C. im Juli 2012

Erster Tag, Sonnabend

Auf nach Washington.

Berlin-Tegel. CC-BY. Sebastian Wallroth
Berlin-Tegel. CC-BY. Sebastian Wallroth

Vermutlich das letzte Mal von Berlin-Tegel aus. 1970er-Jahre-Waschbeton-Futurismus, der demnächst unbrauchbar gemacht werden soll, wie vor kurzem Berlin-Tempelhof. Dich habe einen selbst ausgedruckten Boardingpass. Laaangsam gehe ich an eine langen Schlange fragend bis finster blickender Fliegenmöchtender vorbei zum Schalter für Boardingpass-Selbstausdrucker. Die Dame am Check-in fragt mich alle nötigen Unterlagen für die Einreise in die USA ab. Boardingpass für den Weiterflug von London-Heathrow? Hab ich. Esta-Nummer? Hab ich. Adresse in den USA für mindestens die erste Nacht? Hab ich. Ich habe sogar das Wikimania-Programm, auf dem mein Name steht! Aber dafür gibt es keine Extra-Punkte. Ich bin viel zu früh also gehe ich noch einmal die Runde im Flughafengebäude. Interessant, was ich alles nicht kaufe. Am Askania-Uhren-Stand bleibe ich länger stehen, die Verkäuferin freut sich, dass mal einer stehen bleibt und bestaune den U-Boot-Stahl, den Armband-Kautschuk, die sehr lange nachleuchtenden Zeiger (Die ganze Nacht! Sieht man sogar fast bei Tageslicht!)

Der Flieger fliegt erst mal nicht, weil zwei Koffer zu viel sind. Das kann ja keiner wollen, erklärt der britische Kapitän, lang und breit und unterhaltsam. Bei den Sicherheitsanweisungen machen die Stewardessen und die Stewards nur noch beim Zeigen der Notausgänge mit, der Rest kommt als Trickfilm im Fernsehen. Und die Kleidung der Damen und Herren Passagierruhighalter hat auch nicht mehr dieses demütigende Muster.

In Heathrow stehen überall Leute mitten im Gang und blicken konzentriert auf ihr Multimediahandy. Vermutlich versuchen sie wie ich vergeblich, in ein WLAN zu kommen. Ich stehe aber an der Seite.

Im Übersee-Jet müssen alle durch die 1. Klasse durch. Dort liegen die Passagiere in so einer Art Cubicle wie in amerikanischen Großraumbüros. Von der Kleidung her unterscheiden sich die 1. Klasse Passagiere nicht von den 2. Klasse Passagieren. Dafür habe ich auf meinen Sitz neben Kopfhörern, Zahnbürste und Zudecke ZWEI Kopfkissen. Luxus! Ich verstaue sie liebevoll im Fußraum. Spoiler: Ich schaffe es nicht, sie während des Fluges in den Fußraum meiner Nachbarin zu stuffeln. Im Rücklehenfernseher kann man zwischen fünf Filmen entweder auf englisch oder spanisch wählen. Ich zappe zwischen dem Animationsfilm mit dem Opa, der sein Haus mit Luftballons nach Südamerika fliegen lässt und einem mit unbekannten B-Science-Fiction mit menschlichen und grünen vierarmigen Marsbewohnern hin- und her. Gegen 18 Uhr wird Bettruhe verordnet, die Fernseher und die Lichter gehen aus und ich versuche beim Lesen im Halbdunkeln nicht müde zu werden. Später nehme ich die vegetarischen Nudeln, die von einer jungen Dame fünf Reihen hinter mit Inbrunst ausgekotzt werden. (Für diesen Vorgang gibt es kein anderes Verb.)

Die Grenzkontrolle geht erstaunlich flott. Ich kenne ja die Prozedur schon. Die vier Finger der linken Hand auf den Fingerabdruckscanner. Dann den linken Daumen. Dann die vier rechten Finger. Dann den rechten Daumen. Dann in die Webcam schauen. Vacation oder Business? Esta? Zollformular? Adresse für die erste Nacht? Have a nice stay. Das Ende der Schlange am Zoll verschwindet im Dunst der Ferne. Geht dann aber auch flott. Haben Sie Lebensmittel dabei? Nein. Have a nice stay. Vom Dulles International Airport kann man für etwa 30 Dollar in anderthalb Stunden ins Zentrum von Washington fahren oder in einer halben Stunde für 60 Dollar (einschließlich Trinkgeld) mit dem Taxi. Ich gönne mir den Luxus. Trinkgeld mit der Kreditkarte geht so: Der Taxifahrer zieht die Karte durch. Man unterschreibt für den Betrag vom Taxameter. Dann kommt ein zweiter Zettel, auf dem man das Trinkgeld UND die Gesamtsumme (Kopfrechnen!) aufschreiben und dann noch einmal unterschreiben muss. Das funktioniert so auch in Restaurants. Laut Reiseführer erwarten Taxifahrer 10-15% Trinkgeld. Ich gebe 12% und der Taxifahrer hebt mir sogar noch den Koffer aus dem Auto.

Das Hotel ist wie bei Foursquare beschrieben: etwas abgeblättert, vereinzelt Tierchen, aber freundliches Personal und beim Putzen wird sich Mühe gegeben. Die Herberge liegt 15 Minuten Fußweg vom Weißen Haus entfernt. Zentraler kann man für 95 Dollar die Nacht nicht logieren.

Vor dem Weißen Haus. CC-BY. Sebastian Wallroth
Vor dem Weißen Haus. CC-BY. Sebastian Wallroth

Sechs Stunden Zeitunterschied zwischen Berlin und Washington. Ich bin 19:00 Uhr im Hotel. In Deutschland ist es 1 Uhr nachts. Hurra es gibt freies WLAN, weil mein Zimmer unter der Lobby liegt. In der Twitter-Timeline ist nichts los. Ich schnappe mir die Kamera und ziehe los. Die Wikimania-Veranstaltungsgebäude liegen keine 500 Meter vom Hotel entfernt. Ich gehe weiter und stehe bald am Zaun vorm Weißen Haus. Alles wie in allen Kinofilmen. Ich würde mich kein bisschen wundern, wenn jetzt ein Alienraumschiff am Himmel erschiene. Von überall sieht man den Obelisken des Washington-Monuments. Der wird immer höher, je näher ich kommen. Um mich herum viele Familien. Ich falle mit meinem Touristen-Outfit und der Kamera nicht auf. Knips, knips, knips. In der Mailingliste der Wikimania war gewarnt worden, dass Statuen und Kunstwerke an Bauwerken in den Vereinigten Staaten nicht unter die Panorama-Freiheit fallen. Also kommen die nicht auf Commons. Darf ich sie aber in die Deutsche Wikipedia hochladen? Da muss ich nochmal nachforschen. Ich bin überrascht, wie relativ nahe alles beieinander liegt. Wenn es nicht so unerhört schwül wäre, würde ich einen viel größeren Bogen schlagen. Über die Müdigkeit bin ich hinaus. Im Hotel lasse ich das WLAN mit Foto-Uploads glühen. 22:00 Uhr Ortszeit geht es unter Absummen von „Star sprangled Banner“ ins Bett.

Zweiter Tag, Sonntag

Das Frühstück ist perfekt.

Es besteht aus Kaffee, Toast und Marmelade. Punkt. Da ich sonst auch kaum was anderes frühstücke finde ich es genau richtig. Ich bitte den Concierge, zumindest die toten Tierchen aus meinem Bad entfernen zu lassen. Er wirkt ein bisschen bestürzt und zeigt mir als Beweis des Bemühens der Hotels eine enorme Sprayflasche mit Insektengift.

Der Weg führt wieder durch das Gebiet der George-Washington-Universität. Es gibt keinen festen Campus, sondern lauter Gebäude, die umgewidmet oder für die Universität gebaut wurden. Viele drei- bis vierstöckige Häuser im englischen Stil gehören Studentenverbindungen. Auffälligstes Zeichen sind große Grills, Stuhlkreise und verstreut liegende Flaschen und Becher im Vorgarten. Um die Mittagszeit sitzen hier und da Selbstsicherheit spielende Burschen – gern mit Zigarre – breitbeinig auf den Stühlen und mustern die Vorbeigehenden. Darwin hatte Recht. Ich schaue mir die Architektur von um 1900, über die 1970er Jahre bis in die Neuzeit an. Die Fußgängerampeln zeigen einen Countdown, bis es wieder Rot wird. Es scheint aber keinen festlegten Zeittakt zu geben – manchmal muss man sich etwas beeilen. Bei schwülen 30 °C Morgentemperatur ist das sofort schweißtreibend. Die Autos respektieren rote Ampeln ziemlich zuverlässig. Von den Fußgängern lassen sich in dieser ruhigen Gegend nur kleine Kinder und ich von roten Ampeln aufhalten. Gelegentlich ziehen Jogger an mir vorbei. Sie tragen große Flaschen Wasser mit sich. Ich kann nicht glauben, dass das gesund ist.

Es ist Sonntag, darum haben nur die Touristengeschäfte (Obama-Wackelkopf-Puppe: $40, Mitt Romney-Radiergummi: $2, Jacky Kennedy-Modeschmuck: $120) und 24/7-Läden auf. Die Hauptachse Washingtons beginnt an einer sanften Schleife des Potomac mit dem Lincoln-Memorial. Sehr steile Treppen. Sehr erhabenes Gefühl im Innern. Draußen eine Gruppe sportlicher Collegestudenten, die für ein lustiges Video alle gleichzeitig einen Rückwärtssalto machen. Nach dem dritten Mal haben fast alle schmerzverzerrte Gesichter. Russische Touristen fotografieren sich mit einem iPad. Am Fuße des Memorials sind das Vietnam und Korea-Kriegsdenkmal. Sehr beeindruckende moderne Denkmale. Der langgezogene rechteckige Spiegelteich („reflecting pool“) wird gerade aufwändig saniert und ist fast leer. An seinem anderen Ende ist das 2. Weltkriegsdenkmal. Das erinnert stark an sowjetische Denkmale zum Großen Vaterländischen Krieg in einer Mischung aus Art Deco und Zuckerbäckerstil. An den Seiten des Teichs ist noch viel Platz für weitere Kriegsdenkmale. Afghanistan- und Irak-Krieg kriegen bestimmt auch jeder eins. Hinter dem Weltkriegsdenkmal geht es einen sanften Hügel zum gigantischen Obelisken des Washington-Monuments hinauf. Man kann innen bis zur Spitze hinauf, aber die unglaubliche Hitze hält mich von größeren sportlichen Aktionen ab. An mir ziehen zwei durchtrainierte Burschen mit freien Oberkörpern vorbei. Eine Frau trinkt eine Literflasche Wasser aus und scheint die Flüssigkeit sofort wieder auszuschwitzen. Linkerhand ist das Weiße Haus. Rechterhand hinter einer Flussbucht („tidal basin“) das Jefferson Memorial. An der Bucht viele Japanische Kirschbäume, deren Blüte im Frühjahr Anlass für ein Volksfest sind, wie ein Erklärschild erklärt. Ein Warnschild warnt vor niedrigen Ästen.

Geradeaus liegt die National Mall. Links und rechts imposante Museumsbauten. In rotem Klinker ein Schlösschen, dass sich als Keimzelle des Museumsrudels entpuppt. Der englischer Wissenschaftler James Smithson hinterließ dem jungen amerikanischen Staat ein gigantisches Vermögen zum Aufbau einer wissenschaftlichen Sammlung – wenn sein Neffe kinderlos bleiben würde. Blieb er. Was haben Smithson und Karl May miteinander gemein? Sie waren nie in Amerika. Das Schlösschen ist heute ein Informationszentrum. In der kühlen Halle kühlt mein Körper langsam herunter. Ein Inderin läuft ihrem Mann hinterher. Kopfbetuchte Schülerinnen knipsen sich gegenseitig mit ihrem breit grinsenden, breitschultrigen Tourführer.

Ich entscheide mich zunächst für das Museum für Amerikanische Geschichte schräg gegenüber. Eine gigantische amerikanische Flagge liegt im Halbdunkeln. Sie inspirierte den Dichter der amerikanischen Nationalhymne, als trotzige amerikanische Soldaten sie über einem Fort wehen ließen, das unter britischem Beschuss stand. An einer Pinnwand im Raum davor kann man seine Gedanken zu Frauen in der amerikanischen Armee äußern. NO WAR steht auf mehreren Zetteln. In einem anderen Raum ist ein 300jähriges zweistöckiges Holzhaus mit zum Teil offenen Wänden wieder aufgebaut. Es wird die Geschichte der Familien der Besitzer und Mieter des Hauses erzählt. Auf den Tafeln wird auch ausführlich auf die Geschichte der (meist namenlosen) Afroamerikaner eingegangen, die mit diesem Haus verbunden sind. Auf einer Wäscheleine hängen Leinensachen. Es waren zehn Arbeitsschritte notwendig, um die Wäsche zu waschen. In einen Fotoalbum grinst ein junger Mann zu Zeiten des 2. Weltkriegs aus seiner neuen Marineuniform. Ich habe solche Fotos von meinem Opa. Sie sind sich nicht begegnet – mein Opa war im Ärmelkanal stationiert – der junge Mann hier im Pazifik. Beide sind gesund wieder nach Hause gekommen.

Draußen auf der großen Rasenfläche der Mall ist so ein Bürgernähe-Festival-Dings aufgebaut. In Veranstaltungszelten präsentieren sich mehrere amerikanische Universitäten und lokale Bürgerinitiativen. Einheimische und Touristen schleppen sich durch die flirrende Hitze von Schatten zu Schatten. Barbecue ist nicht so sehr gefragt, aber das frisch gefilterte Wasser (gesünder als Wasser aus Flaschen!) findet seine Abnehmer. In einem der Zelte schmettert ein mexikanisches Ensemble mit Streichern und Bläsern theatralische Lieder. Die Zuschauern summen mit, weinen und tanzen. Danach kommen Angestellte einer Universität aus Hawaii auf die Bühne. Die Damen und Herren tragen riesige rote Schleifen um die Hüfte. Ich bewundere, mit welcher Würde sie das tun. Ein bisschen kennt man das ja aus Filmen. Hüften schwingen, eindringlicher Sprechgesang, große Gesten. Der Mann mit dem blondierten Haar ist der Lehrer und erklärt ein bisschen, was man sieht. Anders als deutsche Volkstümelei hat das hier alles nicht nur alt, sondern hat seine Bedeutung nie verloren. Neben mir sitzt eine Dame mit Milchkaffee-Teint und macht die Tänze mit fließenden Bewegungen mit. Auf der Bühne tanzt und singt die Enkelin des Lehrers eine uralten Tanz mit wenigen aber ausdrucksstarken Bewegungen, der traditionell von der Großmutter auf die Enkelin übergeht. Dann hält der Lehrer eine längliche Rede, die mir aber noch lange zu denken geben wird. Er erzählt, dass in Hawaii (er spricht es Hawai-i aus) die Einheimischen nie gute Ergebnisse in den Bildungseinrichtungen hatten, insbesondere in der höheren Bildung. Dann kam man darauf, dass das westliche Lehrprinzip mit Frontalunterricht usw. nicht zu den Lebens- und Lerngewohnheiten der Einheimischen passt. Darum wurde der Hula-Tanz verpflichtend eingeführt und familiäre Beziehungen unter Lehrenden und Lernenden. Seither haben sich die Ergebnisse der einheimischen Studenten drastisch verbessert. Dann ein Tanz der Universitätsangestellten. Beifallsstürme. Meine Wasserflasche ist alle. Ich migriere an Ständen mit internationaler Küche vorbei (armenische Döner, texanische Burger, mexikanische Tortillas) zu einem anderen Veranstaltungszelt. Dort werden afrikanische Initiations-Tänze aufgeführt. Der Erklärer betont die Wichtigkeit der ernsthaften, intensiven Beschäftigung mit Heranwachsenden und beklagt die Vernachlässigung dieses Lebensabschnitts in der westlichen Kultur. Nein, eigentlich beklagt er sich nicht – er macht sich lustig.

Es ist spät, es ist heiß, ich laufe ins Hotel. Die toten Schaben hinter dem Klo hat die Reinigungskraft nicht gefunden, aber der einzige Käfer, den ich noch sehe, läuft in Schlängellinien. Die Spraydose wurde offensichtlich ihrer Bestimmung zugeführt. Die Klimaanlage besteht aus einem Kasten, der in des senkrecht zu öffnende Schiebefenster eingeklemmt ist. Die handbreiten Spalte rechts und links sind mit Wellplastik verschlossen. Es gibt die Einstellung „Startender Jumbojet in einer sternklaren Nacht in der Arktis“ und „Aus“. Ich entscheide mich für „Aus“. Sofort rinnt mir der Schweiß in Strömen. Ich revidiere meine Entscheidung hinsichtlich der Klimaanlage. Jetzt schnell duschen und frische Sachen anziehen, sonst gibt es eine Klimaanlagenerkältung. Laptop und Handy kommen an die Ladekabel. Ich schreibe meinen Tagesbericht.

Dritter Tag, Montag

Ich bin im drei Uhr wach.

Im Fernseher laufen Serien, die in Deutschland erst in ein paar Wochen zu sehen sein werden. Die Werbepausen sind häufiger aber viel kürzer als in Deutschland. Die Amerikaner scheinen vor allen Probleme mit mangelndem Kopfhaarwuchs, nicht vollständig durchtrainierten Körpern und fehlendem Wissen zur Existenz von McDonalds zu haben.

Das Frühstück lasse ich ausfallen – eine laut schnatternde, vielköpfige Gruppe Asiaten bevölkert das hierfür viel zu kleine Frühstücksvestibül. Hinter jeder Ecke gibt es ein Starbucks, also muss ich mir um meine Kaffeeversorgung keine Gedanken machen. Gleiches Spiel wie gestern – Sebastian und kleine Kinder bleiben an roten Ampeln stehen. Am Gebäude der Weltbank fordert mich ein Wachmann ultimativ auf, damit aufzuhören, die Straßenlaterne zu fotografieren. Ich gehorche. Er hat eine Waffe. Im Buch- und Souvenir-Laden der Weltbank gibt es so interessante Sachen, dass ich mich am Ende nicht entscheiden kann und gar nichts kaufe.

Diesmal komme ich nördlich am Weißen Haus vorbei. Der Straßenabschnitt ist für den normalen Autoverkehr mit zwei Reihen versenkbarer Poller gesperrt. Ein Polizeiauto fährt durch. Die erste Pollerreihe versinkt „Padank-Padink-Padonk“ und kommt hinter dem Auto wieder nach oben „Padonk-Padink-Padank“. Eine kleine, schmale Joggerin zieht an mir vorbei. Bevor man am Weißen Haus vorbei kommt, passiert man ein großes Gebäude mit vielen Säulen, englischen Schornsteinen und historischen Kanonen auf dem Treppenabsatz. Im (übrigens sehr guten) Reiseführer steht, dass das Haus als Bürogebäude für die Regierung errichtet und genutzt wurde und dass es zu seiner Bauzeit für sein Aussehen gehasst wurde. Heute machen Touristen Fotos davon. Ich auch.

Das Weiße Haus sieht von der Nordseite auch imposant aus. Das Grundstück ist wie auf der anderen Seite durch einen hohen Zaun aus dünnen Stahlstreben geschützt. Als Tourist lehnt man sich mit dem Rücken an den Zaun und macht coole Posen beim Fotografieren oder man hält seine Kamera durch die Gitterstäbe hindurch, um ein zaunloses Foto des Gebäudes zu machen. Rechterhand auf dem Grundstück ist eine Tribüne aufgebaut und zusammengeklappte Stühle stehen in Reih und Glied. Die sind wohl noch vom Nationalfeiertagsfest am 4. Juli übrig.

Gegenüber dem Weißen Haus ist ein Mini-Protest-Camp mit zwei Teilnehmern. Die Protestziele sind vielfältig: Aids, Krieg, Steuern, Benachteiligung und weitere. Daneben steht ein Mann, auf dessen Lederjacke gestickt steht, dass die US-Regierung sein Patent für ein Flugzeug gestohlen hat. Hinter den drei Protestierenden ist ein kleiner Park mit Bäumen, Denkmalen, Springbrunnen und Bänken. Ein afrikanischstämmiger Mann mit längerem weißen Haupt- und Barthaar trägt als Kleidung einen Lendenschurz und in der Hand einen langen Stab. Ein Herr im Anzug spricht ihn an und sie unterhalten sich freundlich. Auf dem Boden flitzen graue Eichhörnchen herum. Touristen füttern sie.

Es ist brutal heiß. Ich flüchte mich in ein Starbucks. Es ist brutal kalt. Ich nehme eine Flasche Wasser und einen doppelten Espresso zum Mitnehmen und flüchte ins Freie. Dann laufe ich ein bisschen kreuz und quer im Schatten der hohen Gebäude. Im Kaffee Mozart gibt es Leberwurst und Salami. Bei Staples gibt es einen ganzen Gang mit Buntstiften und einen zweiten nur mit verschiedenen Papieren. Computertechnik kostet soviel wie bei Amazon.

Dann bin ich wieder an der National Mall. Ich gehe ins Museum für Amerikanische Kunst. Es gibt die offizielle Portraitgalerie aller amerikanischen Präsidenten, eine Ausstellung wichtiger Amerikaner aller Zeitalter und eine Sammlung bedeutender amerikanischer Künstler. Ich versinke für eine Weile in der Ruhe eines Bildes von Edward Hopper.

Eine Sonderausstellung widmet sich dem künstlerischen Aspekt von Computerspielen seit deren Entstehung, also von Pong und Collossus über Monkey Island bis Spore. Die Ausstellung ist wirklich wundervoll zusammengestellt und schafft es, das virtuellen Medium Computerspiel einzufangen. Die älteren Besucher schwelgen in Erinnerungen, die Jüngeren spielen eine Runde Pac Man an einem riesigen Wanddisplay. Ein Videosequenzen wird die Darstellung verschiedener Aspekte eines Spiels (Bewegung, Flug, Interaktion, usw.) an je einem Spiel einer der vier Generationen von Spielen gezeigt. Entwurfsskizzen hängen neben Screenshots der fertigen Spiele. In einer Videoinstallation sieht man Computerspieler (abwechselnd Männer, Frauen, Kinder und Senioren) im Halbportrait beim Spiel. Es ist faszinierend, die Emotionen auf den Gesichtern zu sehen.

In der Abteilung für moderne Kunst bin ich von einer lebensgroßen Skulptur eines Pferdes tief beeindruckt. Sie scheint aus großen Ästen und Holzstücken zusammengesetzt, wie man sie am Strand findet. Das Tier strahlt eine verletzliche Eleganz aus, die meinen Blick immer wieder anzieht. Dahinter flimmert eine Videoinstallation. Die Karte der USA zusammen gesetzt aus Bildschirmen. Die Grenzen der Bundesstaaten sind mit Neonlichtern markiert. Die Monitore jedes Bundesstaates zeigen die gleichen Filmausschnitte. Vermutlich gibt es einen Bezug der Filmausschnitte zum jeweiligen Staat. Besucher sitzen aus Bänken und starren das Geflimmer stundenlang an. An einem Tisch sitzt die hyperrealistische Skulptur einer leicht verwahrlosten älteren Frau, die einen Eisbecher leert. Die Grenze zwischen Realität und Kunst wirkt verwischt. Auf der Straße vor dem Museum steht ein hoher Turm gestapelter Stühle. Daneben liegt ein umgefallener Stuhlstapel. Ich stehe ein bisschen verwirrt davor. Dann wird mir klar, dass das kein beabsichtigtes Kunstwerk ist. Oder?

Ich laufe die Mall entlang in Richtung Capitol. Wenn man eine bestimmte Geschwindigkeit einhält, gibt es ein grüne Welle an den Fußgängerampeln. Aber bei der Hitze ist erhöhte Geschwindigkeit keine Option. Zu Füßen das Capitols ist ein großer Teich. Eine chinesische Kindergruppe hat sich mit einem großen roten Transparent aufgestellte, auf dem in goldenen Lettern auf Englisch steht, dass das die stolzen Gewinner eines Chorwettbewerbes sind. Die chinesische Inschrift kann ich nicht lesen – sagt aber vermutlich dasselbe aus. Der Fotograf lässt die ganze Gruppe ein paar Schritte nach links gehen. Dann noch ein paar Schritte nach links. Dann nach rechts. Er hat offensichtlich seinen Spaß. Die Kinder blicken die Rasenfläche in der Mitte der Mall bis zum Obelisken des Washington-Monuments hinunter. Die Rasenfläche wird tiefensaniert. Die Erde aus aufgewühlt und große Bagger haben sich zu einer Herde zusammengeschart. Die Kinder lächeln auf Kommando.

Neben dem Teich ist der Nationale Botanische Garten. Nach zehn Minuten muss ich aber schon wieder hinaus, weil die Öffnungszeit vorbei ist. Ich setze mich unter einen Sonnenschirm an einen Tisch im Vorgarten das Botanischen Gartens, genieße die Blick auf das Capitol und schreibe ein paar Ansichtskarten. Auf dem Rückweg zum Hotel will ich mir ein Taxi gönnen. Dazu stellt man sich einfach an den Straßenrand und hebt einen Arm. Alle vier Taxen, die ich nacheinander anhalten, akzeptieren jedoch keine Kreditkarten. Dann habe ich den Nase voll und gehe zur U-Bahn. Am Eingang stehen zahlreiche Fahrkartenautomaten. Man kann eine Mehrfachkarte kaufen, die man aufladen kann. Oder man kauft einen Einmalfahrschein aus Papier. Das kostet aber einen Dollar extra. Man wählt die Zielstation aus einer Liste und kriegt den Preis angezeigt. In der Innenstadt kostet es mit dem Papierfahrscheinaufschlag überall hin 3.10 Dollar. Man kann mit Bargeld oder Kreditkarte bezahlen. In der Washingtoner U-Bahn sehen alle Stationen gleich aus. Die Decke halbrund und besteht aus Betonkassetten. Das ganze wird von unten schummrig angeleuchtet. Alles ist sauber, manchmal müffelt es ein bisschen aus den Tunneln, die Bahnen fahren in kurzen Abständen. Im Hotel ist die Dusche mein Freund und dann das Bett. Im Fernsehen gibt es zwei Sender zu Washingtoner Lokalpolitik. Es gibt lange Anhörungen von einfachen Bürgern und Politikern. Ein paar Kanäle weiter laufen amerikanische Serien in spanischer Synchronisation.

Vierter Tag, Dienstag

Die Vor-Konferenz beginnt.

Ich ziehe um. Für die Zeit der Konferenz wurde für mich als Stipendiat ein Zimmer in einem anderen Hotel gebucht, in dem auch viele andere Konferenzteilnehmer wohnen. Das Zimmer ist riesig. Im Bad gibt es eine Fußbodenheizung und auf dem Flur einen Eiswürfelspender. Ich habe mir auf der Karte den Weg zum Konferenzort heraus gesucht. Es gibt zwar einen Shuttle-Service vom Hotel dorthin, aber am ersten Tag will ich laufen. Wie ich es angekündigt habe, trage ich heute Lederhosen, Haferln und Trachtenhemd. Auf der Straße begegne ich lauter lächelnden Leuten. Ein netter Herr spricht mich an. Vor meiner Brust hängt ein Konferenzausweis. Vor seiner auch. Er ist aus Schottland. Nein, nein, nein, er will keinen Kilt tragen, seine Knie sind nicht hübsch genug. Seine Frau ist auch dabei. Und sein Sohn. 14 Jahre alt. Seit zwei Jahren Wikipedia-Autor. Er hat seine Eltern dazu gebracht, mit ihm von Schottland nach Washington, D.C. zu fliegen und die Wikimania zu besuchen. Der Junge bringt vor Schüchternheit kein Wort heraus, als ich ihn anspreche. Aber am Ende der Konferenz wird er extra zu mir kommen und sich enthusiastisch verabschieden.

Die Anmeldung ist sehr gut organisiert. Wie überhaupt die ganze Konferenz. Ich vergleiche sie zunächst immer mit der Wikimania 2011 in Haifa, Israel, die äußerst gut durchorganisiert war. Aber das lasse ich später bleiben, denn diese Konferenz steht für sich. Von Freiwilligen organisiert. Mehr als 1.300 Teilnehmer. Essen und Trinken im Überfluss. Stabiles WLAN. Hervorragender Veranstaltungsort mit genug Platz, sehr guter Akustik, funktionierender Technik, Beamern, Mikrofonen – erwähnte ich schon den Kaffee? Die Damen an der Anmeldung tragen Plastikkrönchen. Die Konferenzausweise stecken in Plastikhüllen und haben ein Bändchen, damit man sie um den Hals tragen kann. Redner haben ein rotes Bändchen, normale Teilnehmer ein blaues. Auf dem Ausweis steht groß der vom Teilnehmer angegebene Benutzername aus dem bevorzugten Wikimedia-Projekt und der Name des oder der Projekte, in denen man aktiv ist. Da mein bürgerlicher Name mein Benutzername ist, werde ich gelegentlich nach meinem Benutzernamen gefragt. Ich sage dann immer, dass ich keinen speziellen Kampfnamen habe. Im Eingangsbereich treffe ich gleich ein paar bekannte Gesichter aus den Chaptern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Schweden und den Niederlanden sowie von der Foundation und auch ein paar Leute, die ich von der Wikimania 2011 in Erinnerung habe, z. B. aus Israel, Hongkong, Großbritannien, Polen und Frankreich.

Im Vestibül stehen Tische und Stühle und es gibt löslichen Kaffee, den man aus großen Kanistern zapfen kann. Ich spreche ein paar Leute an, die ich noch nicht kenne. Die meisten sind zu schüchtern, so dass kein Gespräch zu Stande kommt. Mit einem Journalisten unterhalte ich mich etwas länger. Seine erste Frage lautet: „Worum geht es hier eigentlich?“ Ich erzähle ein bisschen und er bedankt sich artig.

Ich könnte jetzt an einer Tour ins Capitol teilnehmen oder hinauf in die dritte Etage gehen, um am Hackathon teilzunehmen. Ich steige in den Fahrstuhl. Der Hackathon findet im Großen Ballsaal statt. Fünf Reihen großer Runder Tische mit jeweils acht Stühlen. Unter jedem Tisch ein Stromverteiler; die Kabel sind liebevoll mit breitem Klebeband am Fußboden fixiert. Auf den Tischen weiße Papiertischdecken. In der rechten Reihe sitzen die absoluten Anfänger. Erfahrene Entwickler gehen um und helfen bereitwillig bei der Einrichtung des Laptops. Ich installiere XAMPP, Git, X-Chat, Phyton und so weiter und nach nur 20 Minuten schaue ich mir ein bisschen Code an. Coden will ich aber nicht. Ich frage meinen Tischnachbarn, ob es nicht auch etwas für einen Produktmanager/Projektmanager zu tun gäbe. Er geht ganz freundlich auf meine Fragen ein – wie man eben freundlich zu einem Alien ist. Er verweist mich auf das Hackathon-Wiki. Dort gibt es auch Tasks für Nicht-Programmierer. Aber ich will keinen Wikipedia-Artikel bearbeiten oder dergleichen. Nach weiteren Gesprächen zeichnet sich für mich ein Bild der Entwicklerlandschaft von MediaWiki und den Erweiterungen ab, in dem sich jeder Entwickler für sich eine Aufgabe ausdenkt und sie dann umsetzt. Beim Hackathon werden dann die Werke stolz Gleichgesinnten präsentiert, man tauscht sich aus und nimmt Anregungen auf. Später erzählt mir ein Entwickler, wie er versucht, seine Motivation aufrecht zu erhalten, um die von ihm im Laufe der Zeit erstellten Erweiterungen weiterhin zu pflegen. Der Anlass der Erstellung war jeweils das Interesse an einer bestimmten Aufgabenstellung. Jahre später ist es dann doch nur eine lästige Pflicht, die Erweiterungen Änderungen von MediaWiki oder anderen Anforderungen anzupassen. Es gibt einen ganzen Zoo verwaister Erweiterungen.

Ich sehe drei Optimierungsmöglichkeiten. Erstens: Produktmanagement. Mir schwebt vor, eine Liste von Programmieraufgaben zu erstellen, aus der sich freiwillige Programmierer heraus picken können, was ihnen interessant erscheint. Dazu sollten neue Erweiterungen gehören. Die Ideen zu neuen Erweiterungen sollten mit einem System wie getsatisfaction.com verwaltet werden. Zum anderen sollten verwaiste Erweiterungen zu Adoption angeboten werden. Zweitens: In den letzten Jahren sind agile Softwareentwicklungsmethoden entwickelt worden, bei denen Entwicklungsaufgaben in kleine Pakete zerlegt werden, die in kurzer Zeit von einem Programmierer erledigt werden können. Auf dieser Basis sollte eine verteilte Entwicklung von größeren Programmieraufgaben möglich sein. Drittens: Motivation. Wir brauchen ein Feedbacksystem für die Erweiterungen. Ein Entwickler sollte informiert sein, wie viele neue Anwender es gibt und wie viele aktive Nutzungen. Nutzer sollten einfach Feedback geben können. Nutzer sollten die Erweiterungen bewerten und empfehlen können.

Alle drei Visionen setzen aktuell weit verbreitete Systeme ein. Hmm, jetzt müsste es nur noch jemand umsetzen. Mit wem sollte ich darüber sprechen?

An unseren Tisch setzt sich der Journalist von vorhin und stellt weiter Fragen. Als er etwas speziell wird vermittle ich ihn an Tischnachbarn weiter. Am nächsten Tag werde ich mit Namen mit weiteren Wikimedianern in einem Artikel zitiert, der in mehreren Onlinemedien erscheint. Ganz unten im Artikel kommt die Geschäftsführerin der Foundation zu Wort, die so ziemlich das Gegenteil von dem sagt, was ich geäußert habe. Interessant.

Den Abend verbringe ich mit dem Aufschreiben meiner Notizen. Mein Kopf soll frei sein. Die nächsten Tage werden aufregend genug.

Fünfter Tag, Mittwoch

Duschen, Duschen Duschen.

Bei Außentemperaturen von ungefähr 35°C und einer Luftfeuchtigkeit von nie unter 85% kann man sich eins-zwei-fix erkälten, wenn einen eine zu kalt eingestellte Klimaanlage anpustet. Frag mich. Ich hab das schon mal durch. Diesmal aber nicht. Meine Strategie sind lange dünne Hosen und langärmlige Hemden. Und häufiges heißes Duschen. Am zweiten Tag scheint aber an der Klimaanlage des Veranstaltungsortes etwas gemacht worden zu sein, es ist nicht mehr bitterkalt in den Sälen.

Es gibt die ersten Veranstaltungen neben dem Hackathon. Ich besuche ein Treffen, dass als Vorbereitung der Sitzung der Wikimedia Chapter Association (WCA) gedacht ist. Der Moderator versucht die Diskussion straff zu halten, aber es mäandert sich trotzdem so dahin. Einige der Teilnehmer scheinen nicht mal im Ansatz zu wissen, wofür die eigentlich da ist. Es wird immer wieder ein Gegensatz zwischen WCA und Wikimedia Foundation beschworen. Ein Blick auf Charter im Meta Wiki hilft: Die Association ist die Selbstorganisation der Chapter, während die Foundation die Wikimedia Bewegung (und die Software) voran bringt. Die WCA soll unter anderem die Austausch zwischen den Chaptern herstellen, aufrecht erhalten und stärken und neuen Chaptern die Einstieg in die Bewegung erleichtern. Es gibt aber viele Vorbehalte gegen alles mögliche; der Prozess der Selbstorganisation ist offensichtlich wichtiger als schnell erreichbare Ergebnisse.Ich hoffe, dass die treibenden Kräfte hinter diesem zweiten Anlauf der Etablierung des WCA nicht so schnell ausbrennen.

Ich unterhalte mich mit vielen Teilnehmern. Das ist für mich fast das wichtigste an der Wikimania: Wikimedianer aus aller Welt von Angesicht zu Angesicht sprechen. Eine wichtige Technik dafür ist auf die Leute zuzugehen und zu sagen: Wer bist Du? Was machst Du? Die Strategie „Warten, bis mich jemand anspricht“ funktioniert nur, wenn es Anwender der zuvor genannten Technik gibt.

Am Abend findet die Eröffnungsveranstaltung namens „Google Opening Reception“ in der Bibliothek der Kongresses der Vereinigten Staaten statt. Um feierliche Garderobe wird gebeten. Die Veranstaltung soll laut Zeitplan nur anderthalb Stunden dauern. Ich schmeiße mich in einen Anzug und mache mich rechtzeitig auf den Weg. Ein Shuttlebus fährt vom Hotel direkt zur Library of Congress. Vor der Bibliothek gibt es eine lange Schlange von Wikimedianern aus aller Welt. Wir schwatzen fröhlich und ein bisschen aufgeregt. Die Eingangskontrollen an Bundesgebäuden gleichen denen an Flughäfen einschließlich Gürtelabschnallen und Piepser unter die Achselhöhlen halten.

Man betritt unmittelbar einen Saal, an dessen Seite breite Treppen zu einer umlaufenden Galerie führen, in der der eigentliche Empfang statt findet. Es hallt fürchterlich. Über die Summen hunderter Stimmen schwebt das gelegentliche Klingen von Gläsern. Ein fliegende Salonorchester mit Streichern und Bläsern ist nur zu hören, wenn man unmittelbar daneben steht. Auf mehreren Buffets gibt es Hähnchenflügel und Tacorollen, Petit fours und Getränke. Eine junge Frau muss ihren Ausweis vorzeigen, um ein Glas Wein zu erhalten. Der Fußboden ist mit bunten Fliesen belegt, die Säulen haben prunkvolle Kapitelle. An der Decke entdecke ich die Namen berühmter Personen aus aller Welt: Schliemann neben Kopernikus. An einer anderen Stelle ist das Wikipedia-W mit den verschränkten Mittelbalken zu sehen. Das bedeutet sich etwas anderes, aber hey, wer weiß?

Es gibt zwei Sonderausstellungen und Bibliotheksmitarbeiter haben kleine Stände aufgebaut, um ihre Projekte zu präsentieren. Eine Dame erklärt mir ein bisschen aufgeregt von dem Projekt, dass Bürger ihnen historisch wichtig erscheinende Fotos auf die Webseiten der Bibliothek hinaufladen können. Klingt wir Wikipedia vor zehn Jahren – nur restriktiver. Auf ein paar Bemerkungen von mir, die Mitarbeiter der Bürger doch zu vereinfachen, geht die Dame nicht ein. Unsere Welten liegen noch ein ganzes Stück voneinander entfernt. Die Anwesenden tragen überwiegend feierliche Kleidung, die Häppchen sind gut und Wein und Bier fließen. Ein Herr spricht mich an, nachdem er höflich gewartet hat, bis ich meinen ersten Teller geleert habe. Er fragt mich, was denn dieses Wikimedia Commons sei, das auf meinem Namensschild stehe. Ich spule meine Kurzvorstellung ab, die ich mir für alle Wikimedia Projekte überlegt habe. Eigentlich sollte jeder Wikimedianer dazu in der Lage sein, die Projekte kurz und interessant zu beschreiben. Er ist sehr überrascht und interessiert und lässt sich von mir erklären, wie er de Seite aufrufen kann. Nach ein paar weiteren Worten verabschiedet er sich höflich. Ich nehme meinen zweiten Teller und das zweite Bier in Angriff.

Pavel Richter bei der Google Opening Reception in der Library of Congress of the United States. CC-BY-SA. Rock drum
Pavel Richter bei der Google Opening Reception in der Library of Congress of the United States. CC-BY-SA. Rock drum

Dann werden Reden gehalten. Ich stehe fast direkt neben dem Rednerpult und kann darum halbwegs etwas verstehen. Nach den ersten Worten war das Sprachgesumm leider geworden, schnell schwillt es aber wieder an. Die Akustik der großen Halle funktioniert wahrscheinlich nur, wenn alle Anwesenden mucksmäuschenstill sind. Die aufgebaute Verstärkeranlage verzerrt die Stimmen der Redner zusätzlich. Im Nachhinein wird es hoffentlich so wie mit Lincolns Rede in Gettysburg, die ihre Wirkung nur in schriftlicher Form entfalten konnte, weil bei der eigentlichen Rede kein Mensch ein Wort verstanden hat. Ein Vertreter der Library of Congress outet sich als Fan der Wikipedia. Das mit dem Outen wird im Verlauf der Konferenz noch mehrfach passieren. Vermutlich trauen sich gestandene Wissenschaftler erst im Angesicht von eintausend Gleichgesinnten ihre Sympathie für dieses anarchische Projekt zu äußern. Dann überbringt er die wunderbare Nachricht, dass die Library of Congress einen Wikipedian in Residence anstellen wird. Sie wird also für ein paar Monate einen erfahrenen Wikipedianer beschäftigen, der beiden Seiten die Annäherung ermöglichen und erleichtern soll. Pavel Richter hält eine kurze Ansprache. Die Rose an seiner Revert kann nicht darüber hinwegtäuschen wie aufgeregt er ist. Mit dem Rücken zum gegen den blauen Abendhimmel angeleuchteten, strahlend weißen Capitol, im Hauptgebäude der Library of Congress of the United States hält der Vorstand von Wikimedia Deutschland eine kurze Ansprache zur Eröffnung der Wikimania. Es ist nur sieben Jahre her, dass die erste Wikimania in Frankfurt am Main in einer Jugendherberge stattfand. Mein feierliches Gefühl hält noch die nächsten Tage an und ich erzähle jedem Wikimedianer, bei dem ich es anbringen kann, das dass ein historischer Moment gewesen ist. Einige werden dann herum flachsen, was denn jetzt noch kommen könnte: Eröffungsrede aus dem Orbit? Vom Mond? Vom Mars? Diplomatische Beziehungen mit kleineren Staaten?

Ich nehme dann jetzt eine Cola, denn zwei Bier sind für mich genug. Ich spreche mit weiteren Wikimedianern. Der eine oder andere verfolgt mich regelrecht – ich scheine der erste direkte Kontakt auf der Konferenz gewesen zu ein. Vielleicht sollte ich auf den Seiten für die nächste Wikimania Tipps unterbringen, wie man mit anderen Menschen unfallfrei ins Gespräch kommt. Dann will ich mir eine der Sonderausstellungen an sehen, laufe aber direkt in den Strom der Vertriebenen hinein. Die Veranstaltung neigt sich rapide ihrem Ende entgegen und die Sonderausstellungen werden als erstes geschlossen. Auf dem Weg nach draußen stoße ich auf einen Pulk Leute, die sich im eine Vitrine schart. Darin liegt eine echte Gutenbergbibel. Erfürchtig schaue ich mir das Kunstwerk an. Neben eine anderen Vitrine versucht ein enthusiasmierter Bibliothekar schreiend etwas über das ausgestellte Objekt zu erzählen. Wirklich schade, dass die fürchterliche Akustik und das überaus knappe Zeitbudget nicht mehr Austausch zwischen Bibliothekaren und Wikipedianern zulassen. Die Tür ist jedenfalls geöffnet und die siebte Wikimania hat einen überaus festlichen Auftakt erfahren.