Wikimania 2012 in Washington, D.C. im Juli 2012

Erster Tag, Sonnabend

Auf nach Washington.

Berlin-Tegel. CC-BY. Sebastian Wallroth
Berlin-Tegel. CC-BY. Sebastian Wallroth

Vermutlich das letzte Mal von Berlin-Tegel aus. 1970er-Jahre-Waschbeton-Futurismus, der demnächst unbrauchbar gemacht werden soll, wie vor kurzem Berlin-Tempelhof. Dich habe einen selbst ausgedruckten Boardingpass. Laaangsam gehe ich an eine langen Schlange fragend bis finster blickender Fliegenmöchtender vorbei zum Schalter für Boardingpass-Selbstausdrucker. Die Dame am Check-in fragt mich alle nötigen Unterlagen für die Einreise in die USA ab. Boardingpass für den Weiterflug von London-Heathrow? Hab ich. Esta-Nummer? Hab ich. Adresse in den USA für mindestens die erste Nacht? Hab ich. Ich habe sogar das Wikimania-Programm, auf dem mein Name steht! Aber dafür gibt es keine Extra-Punkte. Ich bin viel zu früh also gehe ich noch einmal die Runde im Flughafengebäude. Interessant, was ich alles nicht kaufe. Am Askania-Uhren-Stand bleibe ich länger stehen, die Verkäuferin freut sich, dass mal einer stehen bleibt und bestaune den U-Boot-Stahl, den Armband-Kautschuk, die sehr lange nachleuchtenden Zeiger (Die ganze Nacht! Sieht man sogar fast bei Tageslicht!)

Der Flieger fliegt erst mal nicht, weil zwei Koffer zu viel sind. Das kann ja keiner wollen, erklärt der britische Kapitän, lang und breit und unterhaltsam. Bei den Sicherheitsanweisungen machen die Stewardessen und die Stewards nur noch beim Zeigen der Notausgänge mit, der Rest kommt als Trickfilm im Fernsehen. Und die Kleidung der Damen und Herren Passagierruhighalter hat auch nicht mehr dieses demütigende Muster.

In Heathrow stehen überall Leute mitten im Gang und blicken konzentriert auf ihr Multimediahandy. Vermutlich versuchen sie wie ich vergeblich, in ein WLAN zu kommen. Ich stehe aber an der Seite.

Im Übersee-Jet müssen alle durch die 1. Klasse durch. Dort liegen die Passagiere in so einer Art Cubicle wie in amerikanischen Großraumbüros. Von der Kleidung her unterscheiden sich die 1. Klasse Passagiere nicht von den 2. Klasse Passagieren. Dafür habe ich auf meinen Sitz neben Kopfhörern, Zahnbürste und Zudecke ZWEI Kopfkissen. Luxus! Ich verstaue sie liebevoll im Fußraum. Spoiler: Ich schaffe es nicht, sie während des Fluges in den Fußraum meiner Nachbarin zu stuffeln. Im Rücklehenfernseher kann man zwischen fünf Filmen entweder auf englisch oder spanisch wählen. Ich zappe zwischen dem Animationsfilm mit dem Opa, der sein Haus mit Luftballons nach Südamerika fliegen lässt und einem mit unbekannten B-Science-Fiction mit menschlichen und grünen vierarmigen Marsbewohnern hin- und her. Gegen 18 Uhr wird Bettruhe verordnet, die Fernseher und die Lichter gehen aus und ich versuche beim Lesen im Halbdunkeln nicht müde zu werden. Später nehme ich die vegetarischen Nudeln, die von einer jungen Dame fünf Reihen hinter mit Inbrunst ausgekotzt werden. (Für diesen Vorgang gibt es kein anderes Verb.)

Die Grenzkontrolle geht erstaunlich flott. Ich kenne ja die Prozedur schon. Die vier Finger der linken Hand auf den Fingerabdruckscanner. Dann den linken Daumen. Dann die vier rechten Finger. Dann den rechten Daumen. Dann in die Webcam schauen. Vacation oder Business? Esta? Zollformular? Adresse für die erste Nacht? Have a nice stay. Das Ende der Schlange am Zoll verschwindet im Dunst der Ferne. Geht dann aber auch flott. Haben Sie Lebensmittel dabei? Nein. Have a nice stay. Vom Dulles International Airport kann man für etwa 30 Dollar in anderthalb Stunden ins Zentrum von Washington fahren oder in einer halben Stunde für 60 Dollar (einschließlich Trinkgeld) mit dem Taxi. Ich gönne mir den Luxus. Trinkgeld mit der Kreditkarte geht so: Der Taxifahrer zieht die Karte durch. Man unterschreibt für den Betrag vom Taxameter. Dann kommt ein zweiter Zettel, auf dem man das Trinkgeld UND die Gesamtsumme (Kopfrechnen!) aufschreiben und dann noch einmal unterschreiben muss. Das funktioniert so auch in Restaurants. Laut Reiseführer erwarten Taxifahrer 10-15% Trinkgeld. Ich gebe 12% und der Taxifahrer hebt mir sogar noch den Koffer aus dem Auto.

Das Hotel ist wie bei Foursquare beschrieben: etwas abgeblättert, vereinzelt Tierchen, aber freundliches Personal und beim Putzen wird sich Mühe gegeben. Die Herberge liegt 15 Minuten Fußweg vom Weißen Haus entfernt. Zentraler kann man für 95 Dollar die Nacht nicht logieren.

Vor dem Weißen Haus. CC-BY. Sebastian Wallroth
Vor dem Weißen Haus. CC-BY. Sebastian Wallroth

Sechs Stunden Zeitunterschied zwischen Berlin und Washington. Ich bin 19:00 Uhr im Hotel. In Deutschland ist es 1 Uhr nachts. Hurra es gibt freies WLAN, weil mein Zimmer unter der Lobby liegt. In der Twitter-Timeline ist nichts los. Ich schnappe mir die Kamera und ziehe los. Die Wikimania-Veranstaltungsgebäude liegen keine 500 Meter vom Hotel entfernt. Ich gehe weiter und stehe bald am Zaun vorm Weißen Haus. Alles wie in allen Kinofilmen. Ich würde mich kein bisschen wundern, wenn jetzt ein Alienraumschiff am Himmel erschiene. Von überall sieht man den Obelisken des Washington-Monuments. Der wird immer höher, je näher ich kommen. Um mich herum viele Familien. Ich falle mit meinem Touristen-Outfit und der Kamera nicht auf. Knips, knips, knips. In der Mailingliste der Wikimania war gewarnt worden, dass Statuen und Kunstwerke an Bauwerken in den Vereinigten Staaten nicht unter die Panorama-Freiheit fallen. Also kommen die nicht auf Commons. Darf ich sie aber in die Deutsche Wikipedia hochladen? Da muss ich nochmal nachforschen. Ich bin überrascht, wie relativ nahe alles beieinander liegt. Wenn es nicht so unerhört schwül wäre, würde ich einen viel größeren Bogen schlagen. Über die Müdigkeit bin ich hinaus. Im Hotel lasse ich das WLAN mit Foto-Uploads glühen. 22:00 Uhr Ortszeit geht es unter Absummen von „Star sprangled Banner“ ins Bett.

Zweiter Tag, Sonntag

Das Frühstück ist perfekt.

Es besteht aus Kaffee, Toast und Marmelade. Punkt. Da ich sonst auch kaum was anderes frühstücke finde ich es genau richtig. Ich bitte den Concierge, zumindest die toten Tierchen aus meinem Bad entfernen zu lassen. Er wirkt ein bisschen bestürzt und zeigt mir als Beweis des Bemühens der Hotels eine enorme Sprayflasche mit Insektengift.

Der Weg führt wieder durch das Gebiet der George-Washington-Universität. Es gibt keinen festen Campus, sondern lauter Gebäude, die umgewidmet oder für die Universität gebaut wurden. Viele drei- bis vierstöckige Häuser im englischen Stil gehören Studentenverbindungen. Auffälligstes Zeichen sind große Grills, Stuhlkreise und verstreut liegende Flaschen und Becher im Vorgarten. Um die Mittagszeit sitzen hier und da Selbstsicherheit spielende Burschen – gern mit Zigarre – breitbeinig auf den Stühlen und mustern die Vorbeigehenden. Darwin hatte Recht. Ich schaue mir die Architektur von um 1900, über die 1970er Jahre bis in die Neuzeit an. Die Fußgängerampeln zeigen einen Countdown, bis es wieder Rot wird. Es scheint aber keinen festlegten Zeittakt zu geben – manchmal muss man sich etwas beeilen. Bei schwülen 30 °C Morgentemperatur ist das sofort schweißtreibend. Die Autos respektieren rote Ampeln ziemlich zuverlässig. Von den Fußgängern lassen sich in dieser ruhigen Gegend nur kleine Kinder und ich von roten Ampeln aufhalten. Gelegentlich ziehen Jogger an mir vorbei. Sie tragen große Flaschen Wasser mit sich. Ich kann nicht glauben, dass das gesund ist.

Es ist Sonntag, darum haben nur die Touristengeschäfte (Obama-Wackelkopf-Puppe: $40, Mitt Romney-Radiergummi: $2, Jacky Kennedy-Modeschmuck: $120) und 24/7-Läden auf. Die Hauptachse Washingtons beginnt an einer sanften Schleife des Potomac mit dem Lincoln-Memorial. Sehr steile Treppen. Sehr erhabenes Gefühl im Innern. Draußen eine Gruppe sportlicher Collegestudenten, die für ein lustiges Video alle gleichzeitig einen Rückwärtssalto machen. Nach dem dritten Mal haben fast alle schmerzverzerrte Gesichter. Russische Touristen fotografieren sich mit einem iPad. Am Fuße des Memorials sind das Vietnam und Korea-Kriegsdenkmal. Sehr beeindruckende moderne Denkmale. Der langgezogene rechteckige Spiegelteich („reflecting pool“) wird gerade aufwändig saniert und ist fast leer. An seinem anderen Ende ist das 2. Weltkriegsdenkmal. Das erinnert stark an sowjetische Denkmale zum Großen Vaterländischen Krieg in einer Mischung aus Art Deco und Zuckerbäckerstil. An den Seiten des Teichs ist noch viel Platz für weitere Kriegsdenkmale. Afghanistan- und Irak-Krieg kriegen bestimmt auch jeder eins. Hinter dem Weltkriegsdenkmal geht es einen sanften Hügel zum gigantischen Obelisken des Washington-Monuments hinauf. Man kann innen bis zur Spitze hinauf, aber die unglaubliche Hitze hält mich von größeren sportlichen Aktionen ab. An mir ziehen zwei durchtrainierte Burschen mit freien Oberkörpern vorbei. Eine Frau trinkt eine Literflasche Wasser aus und scheint die Flüssigkeit sofort wieder auszuschwitzen. Linkerhand ist das Weiße Haus. Rechterhand hinter einer Flussbucht („tidal basin“) das Jefferson Memorial. An der Bucht viele Japanische Kirschbäume, deren Blüte im Frühjahr Anlass für ein Volksfest sind, wie ein Erklärschild erklärt. Ein Warnschild warnt vor niedrigen Ästen.

Geradeaus liegt die National Mall. Links und rechts imposante Museumsbauten. In rotem Klinker ein Schlösschen, dass sich als Keimzelle des Museumsrudels entpuppt. Der englischer Wissenschaftler James Smithson hinterließ dem jungen amerikanischen Staat ein gigantisches Vermögen zum Aufbau einer wissenschaftlichen Sammlung – wenn sein Neffe kinderlos bleiben würde. Blieb er. Was haben Smithson und Karl May miteinander gemein? Sie waren nie in Amerika. Das Schlösschen ist heute ein Informationszentrum. In der kühlen Halle kühlt mein Körper langsam herunter. Ein Inderin läuft ihrem Mann hinterher. Kopfbetuchte Schülerinnen knipsen sich gegenseitig mit ihrem breit grinsenden, breitschultrigen Tourführer.

Ich entscheide mich zunächst für das Museum für Amerikanische Geschichte schräg gegenüber. Eine gigantische amerikanische Flagge liegt im Halbdunkeln. Sie inspirierte den Dichter der amerikanischen Nationalhymne, als trotzige amerikanische Soldaten sie über einem Fort wehen ließen, das unter britischem Beschuss stand. An einer Pinnwand im Raum davor kann man seine Gedanken zu Frauen in der amerikanischen Armee äußern. NO WAR steht auf mehreren Zetteln. In einem anderen Raum ist ein 300jähriges zweistöckiges Holzhaus mit zum Teil offenen Wänden wieder aufgebaut. Es wird die Geschichte der Familien der Besitzer und Mieter des Hauses erzählt. Auf den Tafeln wird auch ausführlich auf die Geschichte der (meist namenlosen) Afroamerikaner eingegangen, die mit diesem Haus verbunden sind. Auf einer Wäscheleine hängen Leinensachen. Es waren zehn Arbeitsschritte notwendig, um die Wäsche zu waschen. In einen Fotoalbum grinst ein junger Mann zu Zeiten des 2. Weltkriegs aus seiner neuen Marineuniform. Ich habe solche Fotos von meinem Opa. Sie sind sich nicht begegnet – mein Opa war im Ärmelkanal stationiert – der junge Mann hier im Pazifik. Beide sind gesund wieder nach Hause gekommen.

Draußen auf der großen Rasenfläche der Mall ist so ein Bürgernähe-Festival-Dings aufgebaut. In Veranstaltungszelten präsentieren sich mehrere amerikanische Universitäten und lokale Bürgerinitiativen. Einheimische und Touristen schleppen sich durch die flirrende Hitze von Schatten zu Schatten. Barbecue ist nicht so sehr gefragt, aber das frisch gefilterte Wasser (gesünder als Wasser aus Flaschen!) findet seine Abnehmer. In einem der Zelte schmettert ein mexikanisches Ensemble mit Streichern und Bläsern theatralische Lieder. Die Zuschauern summen mit, weinen und tanzen. Danach kommen Angestellte einer Universität aus Hawaii auf die Bühne. Die Damen und Herren tragen riesige rote Schleifen um die Hüfte. Ich bewundere, mit welcher Würde sie das tun. Ein bisschen kennt man das ja aus Filmen. Hüften schwingen, eindringlicher Sprechgesang, große Gesten. Der Mann mit dem blondierten Haar ist der Lehrer und erklärt ein bisschen, was man sieht. Anders als deutsche Volkstümelei hat das hier alles nicht nur alt, sondern hat seine Bedeutung nie verloren. Neben mir sitzt eine Dame mit Milchkaffee-Teint und macht die Tänze mit fließenden Bewegungen mit. Auf der Bühne tanzt und singt die Enkelin des Lehrers eine uralten Tanz mit wenigen aber ausdrucksstarken Bewegungen, der traditionell von der Großmutter auf die Enkelin übergeht. Dann hält der Lehrer eine längliche Rede, die mir aber noch lange zu denken geben wird. Er erzählt, dass in Hawaii (er spricht es Hawai-i aus) die Einheimischen nie gute Ergebnisse in den Bildungseinrichtungen hatten, insbesondere in der höheren Bildung. Dann kam man darauf, dass das westliche Lehrprinzip mit Frontalunterricht usw. nicht zu den Lebens- und Lerngewohnheiten der Einheimischen passt. Darum wurde der Hula-Tanz verpflichtend eingeführt und familiäre Beziehungen unter Lehrenden und Lernenden. Seither haben sich die Ergebnisse der einheimischen Studenten drastisch verbessert. Dann ein Tanz der Universitätsangestellten. Beifallsstürme. Meine Wasserflasche ist alle. Ich migriere an Ständen mit internationaler Küche vorbei (armenische Döner, texanische Burger, mexikanische Tortillas) zu einem anderen Veranstaltungszelt. Dort werden afrikanische Initiations-Tänze aufgeführt. Der Erklärer betont die Wichtigkeit der ernsthaften, intensiven Beschäftigung mit Heranwachsenden und beklagt die Vernachlässigung dieses Lebensabschnitts in der westlichen Kultur. Nein, eigentlich beklagt er sich nicht – er macht sich lustig.

Es ist spät, es ist heiß, ich laufe ins Hotel. Die toten Schaben hinter dem Klo hat die Reinigungskraft nicht gefunden, aber der einzige Käfer, den ich noch sehe, läuft in Schlängellinien. Die Spraydose wurde offensichtlich ihrer Bestimmung zugeführt. Die Klimaanlage besteht aus einem Kasten, der in des senkrecht zu öffnende Schiebefenster eingeklemmt ist. Die handbreiten Spalte rechts und links sind mit Wellplastik verschlossen. Es gibt die Einstellung „Startender Jumbojet in einer sternklaren Nacht in der Arktis“ und „Aus“. Ich entscheide mich für „Aus“. Sofort rinnt mir der Schweiß in Strömen. Ich revidiere meine Entscheidung hinsichtlich der Klimaanlage. Jetzt schnell duschen und frische Sachen anziehen, sonst gibt es eine Klimaanlagenerkältung. Laptop und Handy kommen an die Ladekabel. Ich schreibe meinen Tagesbericht.

Dritter Tag, Montag

Ich bin im drei Uhr wach.

Im Fernseher laufen Serien, die in Deutschland erst in ein paar Wochen zu sehen sein werden. Die Werbepausen sind häufiger aber viel kürzer als in Deutschland. Die Amerikaner scheinen vor allen Probleme mit mangelndem Kopfhaarwuchs, nicht vollständig durchtrainierten Körpern und fehlendem Wissen zur Existenz von McDonalds zu haben.

Das Frühstück lasse ich ausfallen – eine laut schnatternde, vielköpfige Gruppe Asiaten bevölkert das hierfür viel zu kleine Frühstücksvestibül. Hinter jeder Ecke gibt es ein Starbucks, also muss ich mir um meine Kaffeeversorgung keine Gedanken machen. Gleiches Spiel wie gestern – Sebastian und kleine Kinder bleiben an roten Ampeln stehen. Am Gebäude der Weltbank fordert mich ein Wachmann ultimativ auf, damit aufzuhören, die Straßenlaterne zu fotografieren. Ich gehorche. Er hat eine Waffe. Im Buch- und Souvenir-Laden der Weltbank gibt es so interessante Sachen, dass ich mich am Ende nicht entscheiden kann und gar nichts kaufe.

Diesmal komme ich nördlich am Weißen Haus vorbei. Der Straßenabschnitt ist für den normalen Autoverkehr mit zwei Reihen versenkbarer Poller gesperrt. Ein Polizeiauto fährt durch. Die erste Pollerreihe versinkt „Padank-Padink-Padonk“ und kommt hinter dem Auto wieder nach oben „Padonk-Padink-Padank“. Eine kleine, schmale Joggerin zieht an mir vorbei. Bevor man am Weißen Haus vorbei kommt, passiert man ein großes Gebäude mit vielen Säulen, englischen Schornsteinen und historischen Kanonen auf dem Treppenabsatz. Im (übrigens sehr guten) Reiseführer steht, dass das Haus als Bürogebäude für die Regierung errichtet und genutzt wurde und dass es zu seiner Bauzeit für sein Aussehen gehasst wurde. Heute machen Touristen Fotos davon. Ich auch.

Das Weiße Haus sieht von der Nordseite auch imposant aus. Das Grundstück ist wie auf der anderen Seite durch einen hohen Zaun aus dünnen Stahlstreben geschützt. Als Tourist lehnt man sich mit dem Rücken an den Zaun und macht coole Posen beim Fotografieren oder man hält seine Kamera durch die Gitterstäbe hindurch, um ein zaunloses Foto des Gebäudes zu machen. Rechterhand auf dem Grundstück ist eine Tribüne aufgebaut und zusammengeklappte Stühle stehen in Reih und Glied. Die sind wohl noch vom Nationalfeiertagsfest am 4. Juli übrig.

Gegenüber dem Weißen Haus ist ein Mini-Protest-Camp mit zwei Teilnehmern. Die Protestziele sind vielfältig: Aids, Krieg, Steuern, Benachteiligung und weitere. Daneben steht ein Mann, auf dessen Lederjacke gestickt steht, dass die US-Regierung sein Patent für ein Flugzeug gestohlen hat. Hinter den drei Protestierenden ist ein kleiner Park mit Bäumen, Denkmalen, Springbrunnen und Bänken. Ein afrikanischstämmiger Mann mit längerem weißen Haupt- und Barthaar trägt als Kleidung einen Lendenschurz und in der Hand einen langen Stab. Ein Herr im Anzug spricht ihn an und sie unterhalten sich freundlich. Auf dem Boden flitzen graue Eichhörnchen herum. Touristen füttern sie.

Es ist brutal heiß. Ich flüchte mich in ein Starbucks. Es ist brutal kalt. Ich nehme eine Flasche Wasser und einen doppelten Espresso zum Mitnehmen und flüchte ins Freie. Dann laufe ich ein bisschen kreuz und quer im Schatten der hohen Gebäude. Im Kaffee Mozart gibt es Leberwurst und Salami. Bei Staples gibt es einen ganzen Gang mit Buntstiften und einen zweiten nur mit verschiedenen Papieren. Computertechnik kostet soviel wie bei Amazon.

Dann bin ich wieder an der National Mall. Ich gehe ins Museum für Amerikanische Kunst. Es gibt die offizielle Portraitgalerie aller amerikanischen Präsidenten, eine Ausstellung wichtiger Amerikaner aller Zeitalter und eine Sammlung bedeutender amerikanischer Künstler. Ich versinke für eine Weile in der Ruhe eines Bildes von Edward Hopper.

Eine Sonderausstellung widmet sich dem künstlerischen Aspekt von Computerspielen seit deren Entstehung, also von Pong und Collossus über Monkey Island bis Spore. Die Ausstellung ist wirklich wundervoll zusammengestellt und schafft es, das virtuellen Medium Computerspiel einzufangen. Die älteren Besucher schwelgen in Erinnerungen, die Jüngeren spielen eine Runde Pac Man an einem riesigen Wanddisplay. Ein Videosequenzen wird die Darstellung verschiedener Aspekte eines Spiels (Bewegung, Flug, Interaktion, usw.) an je einem Spiel einer der vier Generationen von Spielen gezeigt. Entwurfsskizzen hängen neben Screenshots der fertigen Spiele. In einer Videoinstallation sieht man Computerspieler (abwechselnd Männer, Frauen, Kinder und Senioren) im Halbportrait beim Spiel. Es ist faszinierend, die Emotionen auf den Gesichtern zu sehen.

In der Abteilung für moderne Kunst bin ich von einer lebensgroßen Skulptur eines Pferdes tief beeindruckt. Sie scheint aus großen Ästen und Holzstücken zusammengesetzt, wie man sie am Strand findet. Das Tier strahlt eine verletzliche Eleganz aus, die meinen Blick immer wieder anzieht. Dahinter flimmert eine Videoinstallation. Die Karte der USA zusammen gesetzt aus Bildschirmen. Die Grenzen der Bundesstaaten sind mit Neonlichtern markiert. Die Monitore jedes Bundesstaates zeigen die gleichen Filmausschnitte. Vermutlich gibt es einen Bezug der Filmausschnitte zum jeweiligen Staat. Besucher sitzen aus Bänken und starren das Geflimmer stundenlang an. An einem Tisch sitzt die hyperrealistische Skulptur einer leicht verwahrlosten älteren Frau, die einen Eisbecher leert. Die Grenze zwischen Realität und Kunst wirkt verwischt. Auf der Straße vor dem Museum steht ein hoher Turm gestapelter Stühle. Daneben liegt ein umgefallener Stuhlstapel. Ich stehe ein bisschen verwirrt davor. Dann wird mir klar, dass das kein beabsichtigtes Kunstwerk ist. Oder?

Ich laufe die Mall entlang in Richtung Capitol. Wenn man eine bestimmte Geschwindigkeit einhält, gibt es ein grüne Welle an den Fußgängerampeln. Aber bei der Hitze ist erhöhte Geschwindigkeit keine Option. Zu Füßen das Capitols ist ein großer Teich. Eine chinesische Kindergruppe hat sich mit einem großen roten Transparent aufgestellte, auf dem in goldenen Lettern auf Englisch steht, dass das die stolzen Gewinner eines Chorwettbewerbes sind. Die chinesische Inschrift kann ich nicht lesen – sagt aber vermutlich dasselbe aus. Der Fotograf lässt die ganze Gruppe ein paar Schritte nach links gehen. Dann noch ein paar Schritte nach links. Dann nach rechts. Er hat offensichtlich seinen Spaß. Die Kinder blicken die Rasenfläche in der Mitte der Mall bis zum Obelisken des Washington-Monuments hinunter. Die Rasenfläche wird tiefensaniert. Die Erde aus aufgewühlt und große Bagger haben sich zu einer Herde zusammengeschart. Die Kinder lächeln auf Kommando.

Neben dem Teich ist der Nationale Botanische Garten. Nach zehn Minuten muss ich aber schon wieder hinaus, weil die Öffnungszeit vorbei ist. Ich setze mich unter einen Sonnenschirm an einen Tisch im Vorgarten das Botanischen Gartens, genieße die Blick auf das Capitol und schreibe ein paar Ansichtskarten. Auf dem Rückweg zum Hotel will ich mir ein Taxi gönnen. Dazu stellt man sich einfach an den Straßenrand und hebt einen Arm. Alle vier Taxen, die ich nacheinander anhalten, akzeptieren jedoch keine Kreditkarten. Dann habe ich den Nase voll und gehe zur U-Bahn. Am Eingang stehen zahlreiche Fahrkartenautomaten. Man kann eine Mehrfachkarte kaufen, die man aufladen kann. Oder man kauft einen Einmalfahrschein aus Papier. Das kostet aber einen Dollar extra. Man wählt die Zielstation aus einer Liste und kriegt den Preis angezeigt. In der Innenstadt kostet es mit dem Papierfahrscheinaufschlag überall hin 3.10 Dollar. Man kann mit Bargeld oder Kreditkarte bezahlen. In der Washingtoner U-Bahn sehen alle Stationen gleich aus. Die Decke halbrund und besteht aus Betonkassetten. Das ganze wird von unten schummrig angeleuchtet. Alles ist sauber, manchmal müffelt es ein bisschen aus den Tunneln, die Bahnen fahren in kurzen Abständen. Im Hotel ist die Dusche mein Freund und dann das Bett. Im Fernsehen gibt es zwei Sender zu Washingtoner Lokalpolitik. Es gibt lange Anhörungen von einfachen Bürgern und Politikern. Ein paar Kanäle weiter laufen amerikanische Serien in spanischer Synchronisation.

Vierter Tag, Dienstag

Die Vor-Konferenz beginnt.

Ich ziehe um. Für die Zeit der Konferenz wurde für mich als Stipendiat ein Zimmer in einem anderen Hotel gebucht, in dem auch viele andere Konferenzteilnehmer wohnen. Das Zimmer ist riesig. Im Bad gibt es eine Fußbodenheizung und auf dem Flur einen Eiswürfelspender. Ich habe mir auf der Karte den Weg zum Konferenzort heraus gesucht. Es gibt zwar einen Shuttle-Service vom Hotel dorthin, aber am ersten Tag will ich laufen. Wie ich es angekündigt habe, trage ich heute Lederhosen, Haferln und Trachtenhemd. Auf der Straße begegne ich lauter lächelnden Leuten. Ein netter Herr spricht mich an. Vor meiner Brust hängt ein Konferenzausweis. Vor seiner auch. Er ist aus Schottland. Nein, nein, nein, er will keinen Kilt tragen, seine Knie sind nicht hübsch genug. Seine Frau ist auch dabei. Und sein Sohn. 14 Jahre alt. Seit zwei Jahren Wikipedia-Autor. Er hat seine Eltern dazu gebracht, mit ihm von Schottland nach Washington, D.C. zu fliegen und die Wikimania zu besuchen. Der Junge bringt vor Schüchternheit kein Wort heraus, als ich ihn anspreche. Aber am Ende der Konferenz wird er extra zu mir kommen und sich enthusiastisch verabschieden.

Die Anmeldung ist sehr gut organisiert. Wie überhaupt die ganze Konferenz. Ich vergleiche sie zunächst immer mit der Wikimania 2011 in Haifa, Israel, die äußerst gut durchorganisiert war. Aber das lasse ich später bleiben, denn diese Konferenz steht für sich. Von Freiwilligen organisiert. Mehr als 1.300 Teilnehmer. Essen und Trinken im Überfluss. Stabiles WLAN. Hervorragender Veranstaltungsort mit genug Platz, sehr guter Akustik, funktionierender Technik, Beamern, Mikrofonen – erwähnte ich schon den Kaffee? Die Damen an der Anmeldung tragen Plastikkrönchen. Die Konferenzausweise stecken in Plastikhüllen und haben ein Bändchen, damit man sie um den Hals tragen kann. Redner haben ein rotes Bändchen, normale Teilnehmer ein blaues. Auf dem Ausweis steht groß der vom Teilnehmer angegebene Benutzername aus dem bevorzugten Wikimedia-Projekt und der Name des oder der Projekte, in denen man aktiv ist. Da mein bürgerlicher Name mein Benutzername ist, werde ich gelegentlich nach meinem Benutzernamen gefragt. Ich sage dann immer, dass ich keinen speziellen Kampfnamen habe. Im Eingangsbereich treffe ich gleich ein paar bekannte Gesichter aus den Chaptern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Schweden und den Niederlanden sowie von der Foundation und auch ein paar Leute, die ich von der Wikimania 2011 in Erinnerung habe, z. B. aus Israel, Hongkong, Großbritannien, Polen und Frankreich.

Im Vestibül stehen Tische und Stühle und es gibt löslichen Kaffee, den man aus großen Kanistern zapfen kann. Ich spreche ein paar Leute an, die ich noch nicht kenne. Die meisten sind zu schüchtern, so dass kein Gespräch zu Stande kommt. Mit einem Journalisten unterhalte ich mich etwas länger. Seine erste Frage lautet: „Worum geht es hier eigentlich?“ Ich erzähle ein bisschen und er bedankt sich artig.

Ich könnte jetzt an einer Tour ins Capitol teilnehmen oder hinauf in die dritte Etage gehen, um am Hackathon teilzunehmen. Ich steige in den Fahrstuhl. Der Hackathon findet im Großen Ballsaal statt. Fünf Reihen großer Runder Tische mit jeweils acht Stühlen. Unter jedem Tisch ein Stromverteiler; die Kabel sind liebevoll mit breitem Klebeband am Fußboden fixiert. Auf den Tischen weiße Papiertischdecken. In der rechten Reihe sitzen die absoluten Anfänger. Erfahrene Entwickler gehen um und helfen bereitwillig bei der Einrichtung des Laptops. Ich installiere XAMPP, Git, X-Chat, Phyton und so weiter und nach nur 20 Minuten schaue ich mir ein bisschen Code an. Coden will ich aber nicht. Ich frage meinen Tischnachbarn, ob es nicht auch etwas für einen Produktmanager/Projektmanager zu tun gäbe. Er geht ganz freundlich auf meine Fragen ein – wie man eben freundlich zu einem Alien ist. Er verweist mich auf das Hackathon-Wiki. Dort gibt es auch Tasks für Nicht-Programmierer. Aber ich will keinen Wikipedia-Artikel bearbeiten oder dergleichen. Nach weiteren Gesprächen zeichnet sich für mich ein Bild der Entwicklerlandschaft von MediaWiki und den Erweiterungen ab, in dem sich jeder Entwickler für sich eine Aufgabe ausdenkt und sie dann umsetzt. Beim Hackathon werden dann die Werke stolz Gleichgesinnten präsentiert, man tauscht sich aus und nimmt Anregungen auf. Später erzählt mir ein Entwickler, wie er versucht, seine Motivation aufrecht zu erhalten, um die von ihm im Laufe der Zeit erstellten Erweiterungen weiterhin zu pflegen. Der Anlass der Erstellung war jeweils das Interesse an einer bestimmten Aufgabenstellung. Jahre später ist es dann doch nur eine lästige Pflicht, die Erweiterungen Änderungen von MediaWiki oder anderen Anforderungen anzupassen. Es gibt einen ganzen Zoo verwaister Erweiterungen.

Ich sehe drei Optimierungsmöglichkeiten. Erstens: Produktmanagement. Mir schwebt vor, eine Liste von Programmieraufgaben zu erstellen, aus der sich freiwillige Programmierer heraus picken können, was ihnen interessant erscheint. Dazu sollten neue Erweiterungen gehören. Die Ideen zu neuen Erweiterungen sollten mit einem System wie getsatisfaction.com verwaltet werden. Zum anderen sollten verwaiste Erweiterungen zu Adoption angeboten werden. Zweitens: In den letzten Jahren sind agile Softwareentwicklungsmethoden entwickelt worden, bei denen Entwicklungsaufgaben in kleine Pakete zerlegt werden, die in kurzer Zeit von einem Programmierer erledigt werden können. Auf dieser Basis sollte eine verteilte Entwicklung von größeren Programmieraufgaben möglich sein. Drittens: Motivation. Wir brauchen ein Feedbacksystem für die Erweiterungen. Ein Entwickler sollte informiert sein, wie viele neue Anwender es gibt und wie viele aktive Nutzungen. Nutzer sollten einfach Feedback geben können. Nutzer sollten die Erweiterungen bewerten und empfehlen können.

Alle drei Visionen setzen aktuell weit verbreitete Systeme ein. Hmm, jetzt müsste es nur noch jemand umsetzen. Mit wem sollte ich darüber sprechen?

An unseren Tisch setzt sich der Journalist von vorhin und stellt weiter Fragen. Als er etwas speziell wird vermittle ich ihn an Tischnachbarn weiter. Am nächsten Tag werde ich mit Namen mit weiteren Wikimedianern in einem Artikel zitiert, der in mehreren Onlinemedien erscheint. Ganz unten im Artikel kommt die Geschäftsführerin der Foundation zu Wort, die so ziemlich das Gegenteil von dem sagt, was ich geäußert habe. Interessant.

Den Abend verbringe ich mit dem Aufschreiben meiner Notizen. Mein Kopf soll frei sein. Die nächsten Tage werden aufregend genug.

Fünfter Tag, Mittwoch

Duschen, Duschen Duschen.

Bei Außentemperaturen von ungefähr 35°C und einer Luftfeuchtigkeit von nie unter 85% kann man sich eins-zwei-fix erkälten, wenn einen eine zu kalt eingestellte Klimaanlage anpustet. Frag mich. Ich hab das schon mal durch. Diesmal aber nicht. Meine Strategie sind lange dünne Hosen und langärmlige Hemden. Und häufiges heißes Duschen. Am zweiten Tag scheint aber an der Klimaanlage des Veranstaltungsortes etwas gemacht worden zu sein, es ist nicht mehr bitterkalt in den Sälen.

Es gibt die ersten Veranstaltungen neben dem Hackathon. Ich besuche ein Treffen, dass als Vorbereitung der Sitzung der Wikimedia Chapter Association (WCA) gedacht ist. Der Moderator versucht die Diskussion straff zu halten, aber es mäandert sich trotzdem so dahin. Einige der Teilnehmer scheinen nicht mal im Ansatz zu wissen, wofür die eigentlich da ist. Es wird immer wieder ein Gegensatz zwischen WCA und Wikimedia Foundation beschworen. Ein Blick auf Charter im Meta Wiki hilft: Die Association ist die Selbstorganisation der Chapter, während die Foundation die Wikimedia Bewegung (und die Software) voran bringt. Die WCA soll unter anderem die Austausch zwischen den Chaptern herstellen, aufrecht erhalten und stärken und neuen Chaptern die Einstieg in die Bewegung erleichtern. Es gibt aber viele Vorbehalte gegen alles mögliche; der Prozess der Selbstorganisation ist offensichtlich wichtiger als schnell erreichbare Ergebnisse.Ich hoffe, dass die treibenden Kräfte hinter diesem zweiten Anlauf der Etablierung des WCA nicht so schnell ausbrennen.

Ich unterhalte mich mit vielen Teilnehmern. Das ist für mich fast das wichtigste an der Wikimania: Wikimedianer aus aller Welt von Angesicht zu Angesicht sprechen. Eine wichtige Technik dafür ist auf die Leute zuzugehen und zu sagen: Wer bist Du? Was machst Du? Die Strategie „Warten, bis mich jemand anspricht“ funktioniert nur, wenn es Anwender der zuvor genannten Technik gibt.

Am Abend findet die Eröffnungsveranstaltung namens „Google Opening Reception“ in der Bibliothek der Kongresses der Vereinigten Staaten statt. Um feierliche Garderobe wird gebeten. Die Veranstaltung soll laut Zeitplan nur anderthalb Stunden dauern. Ich schmeiße mich in einen Anzug und mache mich rechtzeitig auf den Weg. Ein Shuttlebus fährt vom Hotel direkt zur Library of Congress. Vor der Bibliothek gibt es eine lange Schlange von Wikimedianern aus aller Welt. Wir schwatzen fröhlich und ein bisschen aufgeregt. Die Eingangskontrollen an Bundesgebäuden gleichen denen an Flughäfen einschließlich Gürtelabschnallen und Piepser unter die Achselhöhlen halten.

Man betritt unmittelbar einen Saal, an dessen Seite breite Treppen zu einer umlaufenden Galerie führen, in der der eigentliche Empfang statt findet. Es hallt fürchterlich. Über die Summen hunderter Stimmen schwebt das gelegentliche Klingen von Gläsern. Ein fliegende Salonorchester mit Streichern und Bläsern ist nur zu hören, wenn man unmittelbar daneben steht. Auf mehreren Buffets gibt es Hähnchenflügel und Tacorollen, Petit fours und Getränke. Eine junge Frau muss ihren Ausweis vorzeigen, um ein Glas Wein zu erhalten. Der Fußboden ist mit bunten Fliesen belegt, die Säulen haben prunkvolle Kapitelle. An der Decke entdecke ich die Namen berühmter Personen aus aller Welt: Schliemann neben Kopernikus. An einer anderen Stelle ist das Wikipedia-W mit den verschränkten Mittelbalken zu sehen. Das bedeutet sich etwas anderes, aber hey, wer weiß?

Es gibt zwei Sonderausstellungen und Bibliotheksmitarbeiter haben kleine Stände aufgebaut, um ihre Projekte zu präsentieren. Eine Dame erklärt mir ein bisschen aufgeregt von dem Projekt, dass Bürger ihnen historisch wichtig erscheinende Fotos auf die Webseiten der Bibliothek hinaufladen können. Klingt wir Wikipedia vor zehn Jahren – nur restriktiver. Auf ein paar Bemerkungen von mir, die Mitarbeiter der Bürger doch zu vereinfachen, geht die Dame nicht ein. Unsere Welten liegen noch ein ganzes Stück voneinander entfernt. Die Anwesenden tragen überwiegend feierliche Kleidung, die Häppchen sind gut und Wein und Bier fließen. Ein Herr spricht mich an, nachdem er höflich gewartet hat, bis ich meinen ersten Teller geleert habe. Er fragt mich, was denn dieses Wikimedia Commons sei, das auf meinem Namensschild stehe. Ich spule meine Kurzvorstellung ab, die ich mir für alle Wikimedia Projekte überlegt habe. Eigentlich sollte jeder Wikimedianer dazu in der Lage sein, die Projekte kurz und interessant zu beschreiben. Er ist sehr überrascht und interessiert und lässt sich von mir erklären, wie er de Seite aufrufen kann. Nach ein paar weiteren Worten verabschiedet er sich höflich. Ich nehme meinen zweiten Teller und das zweite Bier in Angriff.

Pavel Richter bei der Google Opening Reception in der Library of Congress of the United States. CC-BY-SA. Rock drum
Pavel Richter bei der Google Opening Reception in der Library of Congress of the United States. CC-BY-SA. Rock drum

Dann werden Reden gehalten. Ich stehe fast direkt neben dem Rednerpult und kann darum halbwegs etwas verstehen. Nach den ersten Worten war das Sprachgesumm leider geworden, schnell schwillt es aber wieder an. Die Akustik der großen Halle funktioniert wahrscheinlich nur, wenn alle Anwesenden mucksmäuschenstill sind. Die aufgebaute Verstärkeranlage verzerrt die Stimmen der Redner zusätzlich. Im Nachhinein wird es hoffentlich so wie mit Lincolns Rede in Gettysburg, die ihre Wirkung nur in schriftlicher Form entfalten konnte, weil bei der eigentlichen Rede kein Mensch ein Wort verstanden hat. Ein Vertreter der Library of Congress outet sich als Fan der Wikipedia. Das mit dem Outen wird im Verlauf der Konferenz noch mehrfach passieren. Vermutlich trauen sich gestandene Wissenschaftler erst im Angesicht von eintausend Gleichgesinnten ihre Sympathie für dieses anarchische Projekt zu äußern. Dann überbringt er die wunderbare Nachricht, dass die Library of Congress einen Wikipedian in Residence anstellen wird. Sie wird also für ein paar Monate einen erfahrenen Wikipedianer beschäftigen, der beiden Seiten die Annäherung ermöglichen und erleichtern soll. Pavel Richter hält eine kurze Ansprache. Die Rose an seiner Revert kann nicht darüber hinwegtäuschen wie aufgeregt er ist. Mit dem Rücken zum gegen den blauen Abendhimmel angeleuchteten, strahlend weißen Capitol, im Hauptgebäude der Library of Congress of the United States hält der Vorstand von Wikimedia Deutschland eine kurze Ansprache zur Eröffnung der Wikimania. Es ist nur sieben Jahre her, dass die erste Wikimania in Frankfurt am Main in einer Jugendherberge stattfand. Mein feierliches Gefühl hält noch die nächsten Tage an und ich erzähle jedem Wikimedianer, bei dem ich es anbringen kann, das dass ein historischer Moment gewesen ist. Einige werden dann herum flachsen, was denn jetzt noch kommen könnte: Eröffungsrede aus dem Orbit? Vom Mond? Vom Mars? Diplomatische Beziehungen mit kleineren Staaten?

Ich nehme dann jetzt eine Cola, denn zwei Bier sind für mich genug. Ich spreche mit weiteren Wikimedianern. Der eine oder andere verfolgt mich regelrecht – ich scheine der erste direkte Kontakt auf der Konferenz gewesen zu ein. Vielleicht sollte ich auf den Seiten für die nächste Wikimania Tipps unterbringen, wie man mit anderen Menschen unfallfrei ins Gespräch kommt. Dann will ich mir eine der Sonderausstellungen an sehen, laufe aber direkt in den Strom der Vertriebenen hinein. Die Veranstaltung neigt sich rapide ihrem Ende entgegen und die Sonderausstellungen werden als erstes geschlossen. Auf dem Weg nach draußen stoße ich auf einen Pulk Leute, die sich im eine Vitrine schart. Darin liegt eine echte Gutenbergbibel. Erfürchtig schaue ich mir das Kunstwerk an. Neben eine anderen Vitrine versucht ein enthusiasmierter Bibliothekar schreiend etwas über das ausgestellte Objekt zu erzählen. Wirklich schade, dass die fürchterliche Akustik und das überaus knappe Zeitbudget nicht mehr Austausch zwischen Bibliothekaren und Wikipedianern zulassen. Die Tür ist jedenfalls geöffnet und die siebte Wikimania hat einen überaus festlichen Auftakt erfahren.

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