Teilnehmer der Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania in Hongkong. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Wikimania 2013 in Hongkong, 1. Tag

Teilnehmer der Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania in Hongkong. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Teilnehmer der Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania in Hongkong. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Der erste offizielle Tag der Wikimania 2013 ist vorüber und die Konferenz ist wieder völlig überwältigend. Hunderte Menschen aus Dutzenden Ländern mit Tausend Geschichten. Und alle offen für Gespräche.

Hongkong

Hongkong ist eine überaus freundliche Gastgeberstadt; die Organisatoren haben sehr gute Arbeit geleistet. Die Polytechnische Universität ist ein hervorragend geeigneter Veranstaltungsort in perfekter Lage. Wenn es nur nicht gerade August wäre – bei 35°C im Schatten und 95% Luftfeuchtigkeit funktioniere ich einfach nicht richtig. Im Gegensatz zu Deutschland ist man hier aber nicht überrascht, dass es im Sommer warm wird und betreibt ein funktionierendes System an Klimaanlagen. Ich wurde Zeuge, wie ein Vortragsraum geräumt wurde, weil die Klimaanlage als zu schwach angesehen wurde. Die Räume sind exzellent ausgestattet mit Beamern, Whiteboards und Soundanlage. Das WLAN ist freilich nur auf ca. 15 Nutzer pro Raum ausgelegt – das stößt bei bis zu 40 Internetabhängigen (mit meist mehreren Geräten) dann schon mal an seine Grenzen.

Was für mich leider gar nicht funktioniert ist der zentrale Treffpunkt, der unter einem sehr hohen Glasdach im Freien festgelegt wurde. Dort stehen Tische, es werden Speisen und Getränke ausgegeben und man könnte sich stehend und sitzend unterhalten – wenn nur nicht die brennende Sonne einem das Gehirn dörren würde. Die großartige Idee des Chapters Village kommt schlecht zur Geltung, da nicht alle längeren Aufenthalte im Freien positiv gegenüber stehen. Die Menschen, die an den Tischen für Gespräche bereit stehen, tun mir aufrichtig Leid.

Meinen persönlichen Veranstaltungsplan habe ich treu befolgt und wurde nicht enttäuscht. Es bleibt nicht aus, dass man andere interessante Vorträge verpasst, aber ich habe immer jemanden gefunden, der mir ein paar Eindrücke aus den anderen Vorträgen vermitteln konnte und die Vortragsfolien sollen demnächst alle über die Website der Wikimania 2013 abrufbar sein.

Eröffnung

Die Eröffnungszeremonie der 9. Wikimania  begann mit chinesischer Drachenartistik. Der sympathische Cheforganisator Jeromy-Yu Chan, flankiert unter anderem von Jimbo Wales, Jan-Baart de Vrede, Kat Walsh und Sue Gartner fütterte den einen Drachen – das soll vermutlich Glück bringen. Ein phantastisches Motiv für die Fotografen, wogegen die Wand aus deren Rücken für die Zuschauer eher mittel-interessant war. Danach sprangen die beiden Drachen mit beeindruckender Kunstfertigkeit auf der Bühne hin und her, bis sich der eine betrank und nicht mehr auf die Beine kam.

saveMLAK

Die Begrüßungrede des Hongkonger Informationsministers Daniel Lai war herzlich, informativ (über 18.000 WLAN-Hotspots auf dem Gebiet Hongkongs) und erfreulich kurz. Die Keynote wurde von Makoto Okamoto gehalten, der in Japan mit dem Projekt saveMLAK die Wiederherstellung von Museen, Bibliotheken, Archiven und Kominkans nach dem 2011er Erdbeben und Tsunami von Tōhoku betreibt.

Jimmy Wales

Die Eröffnungsrede des eloquenten Wikipediagründers Jimmy Wales enthielt zahlreiche zum Nachdenken anregende Punkte. Er unterstützte nachdrücklich Julian Assange und Edward Snowden.

Jimbo schlug vor, sich kleineren Wikipedias zuzuwenden, deren Sprache man ein wenig beherrscht und dort Hilfe anzubieten. Es gibt anderen Arbeit, als Artikel zu schreiben.

Er ernannte den, leider nicht anwesenden, Rémi Mathis zum Wikipedianer des Jahres. Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI hatte Rémi 2013 gezwungen, den bestehenden Artikel zu der völlig unbedeutenden militärischen Funkstation Pierre-sur-Haute in der Wikipedia in französischer Sprache zu löschen. Als das bekannt wurde, wurde der Artikel nicht nur wiederhergestellt, sondern in 29 Sprachen übersetzt.

Zuletzt sprach er von einem Projekt, über das er gerade nachdenkt. Es geht dabei um Online-Journalismus. Er hat jedoch derzeit nur eine Mailingliste aufgesetzt. Das sei eine Erfahrung aus dem Wikipedia-Vorgänger Nupedia: Mailinglisten eignen sich hervorragend für Projekte in der Frühphase.

Es wird interessant sein, zu beobachten, ob Jimbo mit den Erfahrungen aus der Zeit des Aufbaus der Wikipedia ein neues Projekt aus dem Nichts erschaffen kann.

Bye Sue

Nach Jimmy Wales Rede folgte eine sehr nette Verabschiedung der scheidenden Geschäftsführerin Sue Gardner. Sue hat die Geschäftsstelle der Foundation aufgebaut und somit wesentlich dazu beigetragen, das die Wikimedia Foundation das wurde, was sie heute ist. Einen Gedanken konnte ich mir nicht verkneifen: Ich weiß manchen scheidenden Wikipedianer, dem ich einen ähnlichen Abschied gewünscht hätte.

Anschließend beobachtete ich noch ein wenig die Pressekonferenz, bis es Zeit war, zur ersten Session des Tages aufzubrechen.

Evaluation of GLAM-Outreach Activities

Meine erste (offizielle) Session war ein vom Schweizer Forscher Beat Estermann geleiteter Workshop zum Austausch von Erfahrungen von Botschaftern des Freien Wissens in Galerien, Bibliotheken, Archiven, Museen und so weiter.

Eine interessante Erkenntnis war die Gewinn für Freiwillige, deren Ansehen in ihrem sozialen Umfeld steigen kann, wenn “der Computerfreak” zu Empfängen öffentlicher Einrichtungen mit Begleitung eingeladen wird.

Auch schön die Motivation für Professoren, Studenten Arbeiten für die Wikipedia schreiben zu lassen: Statt in jedem Jahr dasselbe Thema zu behandeln, wird jedes Mal ein anderes der über 20.000 Genome als Arbeitsstoff ausgewählt. So kommt keine Langeweile auf.

Lightning Talks

Bei diesem offenen Format kann jeder der will, einen Vortag halten. Wenn das Publikum kein Interesse mehr hat, ist der Vortrag zu Ende.

Zunächst sprach der Kanadier Chris Woodrich, den ich für einen Indonesier hielt. Mich entschuldigt, dass er tatsächlich seit einigen Jahren in Indonesien lebt und ein traditionelles Batikhemd trug.

Kanado-indonesischer Wikipedianer. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Der kanado-indonesischer Wikipedianer Chris Woodrich. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Gedanken, die ich mit mitgenommen habe:

1. Man kann auch Quellen in Fremdsprachen verwenden. Insbesondere, wenn man Artikel aus anderen Wikipedias in die eigene überträgt und übersetzt muss man sich nicht Ersatz-Quellen in der eigene Sprache suchen, sondern kann die Originalquellen verwenden, die im besten Fall um eine Übersetzung erweitert wurden.

2. Bei Übersetzung sollte man bestimmte Begriffe erläutert. Beispiel: Wenn ein Amerikaner in Yale studiert hat, versteht jeder, was das bedeutet, und warum das erwähnt wird. Das die Xaverius in Indonesien einen ähnlichen Ruf hat, bedürfte in der Wikipedia in deutscher Sprache der Erläuterung.

Als nächste sprach der Brite Adam Cuerden, den ich für einen Australier hielt. Mich entschuldigt, dass er mit Krempenhut und Rauschebart aussah, wie die Typen, die auf RTL2 möglichst giftige Tierchen am Schwanz packen und in die Kamera halten.

Kein Australier: Der Brite Adam Cuerden. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Kein Australier: Der Brite Adam Cuerden. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Sein Thema war die malade Unterstützung von Tonaufnahmen in den Wikipedias. Die Beschränkung auf das Freie Format Ogg Vorbis wird nicht mit der Unterstützung allgemein bekannter Formate (MP3) flankiert.

1. Beispielsweise könnte es eine Funktion geben, dass man eine MP3-Datei hochlädt, die dann automatisch in eine Ogg Vorbis-Datei umgewandelt wird. Niedlich war die Frage einer jungen abchasischen Studentin: “Wikipedia kann nicht mit MP3 umgehen. Wann wird das repariert?” (Es gibt übrigens das Gerücht, jemand von der Foundation stünde mit den Rechteinhabern von MP3 in Verhandlungen – aber das hast Du nicht von mir. 😉

2. Wünschenswert wäre auch eine Funktion, die das direkt Aufnehmen von Sprache direkt auf der Webseite ermöglicht, wie man es von Adobe Flash kennt. So könnte die Aussprache von Fremdwörtern aufgenommen werden, da den meisten die Lautschrift nicht geläufig ist.

OpenStreetMap

Katie Filbert, zur Zeit Entwicklerin bei Wikimedia Deutschland, stellte eine ihrer Leidenschaften vor: Das Projekt OpenStreetMap (OSM). Die freie Alternative zu Google Maps und Bing Maps und einer Menge anderer ähnlicher Dienste.

Was ich gelernt habe:

1. Wenn man beitragen will, muss man nicht Häuserumrisse eintragen oder Straßenführungen hinzufügen. Es gibt Aufgaben, die weniger Übung verlangen, wie das Markieren von Standorten von Briefkästen, Restaurants und so weiter.

2. Für das iPhone empfahl Katie die App Pushpin. Ich habe sie gleich mal installiert und die Versorgung mit WLAN und die Zugänglichkeit für Rollstuhlfahrer der umliegenden, mit bekannten Gebäude der Polytechnischen Universität eingetragen.

3. OpenStreetMap ist in vielen Wikipedias eingebaut, je nachdem, ob die entsprechende Community das wünscht. Leider wird sie nur durch ein winziges Lupensymbol rechts oben auf der Seite zugänglich gemacht – dahinter verbirgt sich aber eine mächtige Kartenanwendung. Neben mir saß Kolossos, der sächsische Entwickler der Mediawiki-Erweiterung und gab ein paar spannende Tips.

4. OpenStreetMap-Karten können als dynamische Karten in Webseiten eingebaut werden, wie man es von Google Maps kennt. Nur kostenlos. Und lizenzfrei.


 

Damit waren die Sessions vorbei. Der Abend wurde aber noch lang bei Gesprächen in der OpenStreetSauna.

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