Hausaufgaben am Küchentisch, Margarinewürfel und Kriegsgeschichten

Hausaufgaben am Küchentisch, Margarinewürfel und Kriegsgeschichten

Ausgabe von Lebensmittelkarten in Berlin 1950. Bundesarchiv, Bild 183-09069-0001 / CC-BY-SA

Ausgabe von Lebensmittelkarten in Berlin 1950. Bundesarchiv, Bild 18309069-0001 /​CC-BY-SA

Mein Kind saß neu­lich am Küchentische und bas­tel­te etwas für den Schulunterricht. Da erin­ner­te ich mich an eine Aufgabe, als ich in der zwei­ten Klasse war. Ich soll­te eine Tagesration Lebensmittel für Menschen in Ostdeutschland Ende der 1940er Jahre nach­stel­len. Also eine Scheibe Graubrot, ein klei­ner Würfel Margarine, ein Klecks Marmelade und drei Kartoffeln (die genaue Menge weiß ich nicht mehr).

Da die Eltern der Mitlernenden mei­nes Kindes zwi­schen Mitte zwan­zig und Anfang fünf­zig Jahre alt sind, über­leg­te ich, wie alt die Eltern in mei­ner Klasse damals 1976 waren. Meine Eltern waren Anfang Dreißig – 1944 und 1945 gebo­ren. Sie hat­ten kei­ne kon­kre­ten Erinnerungen an die Rationierung. Die Eltern min­des­tens eines Mitschülers waren Anfang fünf­zig Jahre alt – Ende der 1920er Jahre gebo­ren. Sie waren nach Kriegsende jun­ge Erwachsene und hat­ten sehr kon­kre­te Erinnerungen an Hunger und Rationierung. Während mei­ne Eltern kei­nen ech­ten Bezug zu mei­ner Fummelei mit den Lebensmitteln hat­ten, war das bei mei­nem Mitschüler ganz etwas ande­res. Die Brot und Fett wan­der­ten nach dem Anschauungsunterricht in den Müll. Wie muss das wohl für die Eltern mei­nes Mitschülers gewe­sen sein?

Wenn ich den Bogen zu der Klasse mei­nes Kindes zurück­schla­ge, gehö­re ich der um 1968 gebo­re­nen Generation an, die vor der Wende jun­ge Erwachsene waren, wäh­rend Eltern von Mitschülern der Nachwendegeneration ange­hö­ren. Für sie sind Erzählungen aus der DDR so weit ent­fernt wie für mei­ne Eltern Geschichten aus dem Krieg.

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Sebastian Wallroth administrator