Sue Gardner: Der Kampf für ein freies, offenes Internet und wie wir ihn verlieren

Sue Gardner. Foto: Victoria Will for the Wikimedia Foundation. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de">CC-BY-SA-3.0</a>
Sue Gardner. Foto: Victoria Will for the Wikimedia Foundation. CC-BY-SA-3.0

Die scheidende Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation Sue Gardner hat auf der 2013 MIT-Knight Civic Media Conference in Boston einen bemerkenswerten Vortrag gehalten, den sie in ihrem Blog unter dem Titel “Der Kampf für ein freies und offenes Internet und wie wir ihn verlieren” veröffentlicht hat. Hier eine Zusammenfassung.

Die Wikipedia ist die fünftgrößte Website der Welt mit einer halben Milliarde Leser jeden Monat. Sie ist eine enorme Erfolgsgeschichte, die von vielen als leuchtendes Beispiel für alles genommen wird, was gut am Internet ist. Aber sie steht völlig allein da. Wikipedia ist nicht die Regel; Wikipedia ist die Ausnahme von der Regel, die die Regel bestätigt.

Die Wikipedia wird nicht betrieben, um Geld zu verdienen. Genau wie es in jeder Stadt öffentliche Parks, Leihbüchereien und Schulen gibt, sollte es so etwas auch im Internet geben. Aber Wikipedia ist

  • die einzige mit Spenden betriebene Seite in den Top 50
  • die einzige gemeinnützige Site in den Top 25

Der durchschnittliche Internetbenutzer verbringt praktisch seine gesamte Zeit im Internet auf profitorientierten Websites. Das Internet wird immer mehr zu einem Ort, der von privaten Firmen kontrolliert wird. Es muss ständig Dinge verkaufen. Es tut was immer es will mit jedermanns privaten Daten. Und es kontrolliert sich selbst – fast immer zu Nachteil der Benutzer. Es ist den Interessen seiner Anteilseigner verpflichtet – nicht dem öffentlichen Wohl.

Ein Beispiel: Zensur in Großbritannen.

Ein Zusammenschluss von Internetdiensteanbietern in UK namens “Internet Watch Foundation” identifizierte 2008 das in der Wikipedia dargestelltes Cover der Platte “Virgin Killer” der Scorpions von 1976 als Kinderpornografie. Auf dem Cover sitzt ein junges, nacktes Mädchen im Spagat; sein Geschlechtsteil ist durch einen sternförmigen Sprung in einer Glassscheibe verdeckt. Mit dem Versuch, das Anzeigen des Covers in UK zu blockieren wurde auch verhindert, dass irgendjemand in UK Wikipedia editieren konnte. Es kam zu einem gewaltigen Aufschrei. Nach einige Tagen musste die Blockierung rückgängig gemacht werden. Jedoch:

  • Die Internet Watch Foundation stellte nach der Rücknahme der Blockierung klar, dass sie einfach keine Chance gegen die PR der fünftgrößten Website der Welt hat. Jede andere Website würde weiter blockiert werden.
  • Wichtiger und unsichtbarer passiert folgendes: Amazon nahm das strittige Cover aus seinem Katalog und zeigt eine alternative Version an. Amazon hat nicht die Wikimedia Foundation angerufen, um sich wegen der Klage zu erkundigen oder Hilfe anzubieten. Amazon hat einfach das Album aus seinem Angebot genommen. Nicht nur in UK, sondern in der ganzen Welt.

Nichts gegen Amazon. Amazon hat die Verfügbarkeit von Waren im Internet drastisch vereinfacht und damit neue Möglichkeiten auf für die Erlangung von Wissen eröffnet.

Auch wahr ist aber: Es ist nicht Amazons Aufgabe, das öffentliche Internet zu schützen – seine Aufgabe ist es, die Interessen von Amazon zu vertreten.

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