Zweiter Tag der #WikiCON15 2015 in Dresden

Zweiter Tag der #WikiCON15 2015 in Dresden

Birgit Müller (WMDE). Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Birgit Müller (WMDE). Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY3.0

Pünktlich halb zehn geht es los: Birgit Müller, Projektmanagerin in der Softwareentwicklung von Wikimedia Deutschland stellt das Projekt Technische Wünsche“ vor. Hauptthema des Projektes war die Kommunikation über und die Darstellung der Softwareentwicklungsprozesse. Die Ideen und Wünsche der Wikipedianer wur­den mit Umfragen ein­ge­holt. Das war eine sehr ertrag­rei­che Methode: es kamen mehr als 200 Einträge zusam­men. Der Input muss jedoch von erfah­re­nen Wikipedianern und Projektmanagern mode­riert wer­den, damit alle Seiten die Problemstellungen ver­ste­hen. Workshops ermög­li­chen dann tie­fer gehen­de Diskussionen.

Zum Abschluss ihres Vortrags gab Birgit eine inter­es­san­te Zusammenfassung von Erkenntnissen, u.a.:

  • Wikipedia ist ein kol­la­bo­ra­ti­ves Projekt – Austausch und trans­pa­ren­te Prozesse ermög­li­chen erst eine Zusammenarbeit
  • das Projektmanagement muss (Un)Möglichkeiten in der Softwareentwicklung ver­ständ­lich kommunizieren
  • Wikipedia ist ein Hobby – die Mitarbeit im Projekt soll­te Spaß machen

Wir, die haupt­amt­li­chen Mitarbeiter von Wikimedia Deutschland den­ken viel­leicht zu wenig dar­über nach, dass die Wikipedia für die Freiwilligen ein Hobby ist, das Spaß machen soll­te. – Birgit Müller (WMDE)

Danach sit­ze ich ein wenig im Schatten von Sonnenschirmen im Vorhof des Museums und füh­re ent­spann­te, ange­reg­te und auf­ge­reg­te Gespräche.

Konzentration. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Konzentration. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY3.0

Halb elf fra­gen Austriantraveler und Regiomontanus, wie es nach dem erfolg­rei­chen Projekt Denkmallisten in Österreich wei­ter gehen soll. Am Anfang des Projekts stand die Frage: Wie wird man mit gigan­ti­schen Denkmallisten fer­tig? Antwort: Indem man gleich rich­tig anfängt. Aus die­ser Überlegung ent­stand das Projekt Österreichische Denkmallisten. Zu Beginn des Denkmallisten-Projekts gab es teil­wei­se nur Papier; meist aber ech­te“, durch­such­ba­re PDFs, aus denen man Text kopie­ren kann; bei 37.000 unbe­weg­li­chen Denkmälern in rund 2.400 Gemeindelisten ist das trotz­dem viel Arbeit. Das weit­aus bekann­te­re Projekt Wiki Loves Monuments und das Denkmallisten-Projekt haben eine Schnittmenge; das Denkmallisten-Projekt ist jedoch für die Wikipedia wohl das wich­ti­ge­re. Das öster­rei­chi­sche Bundesdenkmalamt stell­te 2011 erst­mals maschi­nen­les­ba­re Denkmallisten mit ein­deu­ti­ger ID zur Verfügung. Im Projekt lie­fer­ten“ die Freiwilligen:

  • Fehlerkorrekturen, 
  • Aktualisierungen,
  • kom­plet­ter Vor-Ort-Besuch aller Objekte, 
  • Koordinaten aller Objekte (frü­her wur­de nur das Grundstück ange­ge­ben, auf dem das Denkmal zu fin­den war), 
  • tex­tu­el­le Kurzbeschreibung der Objekte (nicht Begründung des Denkmalwerts; die muss vom Denkmalamt kommen)

Die Schwierigkeit mit dem öffent­lich­keits­wirk­sa­men Wiki Loves Monuments ist, dass dort bevor­zugt belieb­te, leicht zugäng­li­che Denkmäler foto­gra­fiert wer­den. 3.700 Fotos der Wiener Hofburg (ohne Museen) ste­hen 2.900 Denkmäler ohne Foto gegen­über. Es ist ziem­lich klar, dass die letz­ten 10% der Denkmallisteneinträge nicht mehr mit Hilfe von über Wiki Loves Monuments her­ein kom­men­den Fotos bebil­dert werden.

Hauptfazit des öster­rei­chi­schen Denkmallisten-Projektes: Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt ist das Um und Auf.

Ich spre­che die Referenten dar­auf an, ob sie nicht in sie­ben Wochen nach Schwerin zu WikiDACH kom­men wol­len, um mit ihren Erfolgen die dor­ti­gen Denkmalbehörden zu beein­dru­cken. Sie schei­nen nicht abgeneigt.

Ich has­te zur nächs­ten Session. Im gro­ßen Saal behaup­ten Gereon K., Renate, Martin Rulsch, Marcus Cyron und Veronika Krämer, nach der Wikimania ist vor der Wikimania“. Gereon erzählt von dem Vortrag auf der Wikimania 2015 in Mexiko-Stadt, der ihn am meis­ten beein­flusst hat. Der Vortrag Ebola Translations: How We Did it & How to Get Involved“ han­del­te davon, dass eine inter­na­tio­na­le Organisation ein mil­li­ar­den­schwe­res Informationsprogramm für afri­ka­ni­sche Länder gestar­tet hat­te, die von Ebola betrof­fen waren. Bei einer Evaluation stell­te die Organisation fest, dass sich 80% der Menschen vor Ort nicht bei ihrem Informationsprogramm, son­dern in der Wikipedia über Ebola infor­mier­ten. Daraufhin wand­ten sie sich an Wikimedia, um ein gemein­sa­mes Projekt anzu­sto­ßen. Die Herausforderung war, dass in den betrof­fe­nen Ländern vie­le Einwohner die jewei­li­gen Kolonialsprachen Französisch oder Englisch gar nicht ver­stan­den. Mit Hilfe von Translators without Borders wur­den die betref­fen­den Artikel in 110 loka­le Sprachen über­setzt. Am meis­ten war Gereon K. von dem Vorzeichenwechsel beein­druckt: Organisationen mit Weltbedeutung kom­men inzwi­schen auf die Wikipedia-Community zu.

Drei Wikipedianerinnen. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Drei Wikipedianerinnen. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY3.0

Danach erzähl­ten Martin Rulsch über den Stipendienprozess und Marcus Cyron über Änderungen, die das Programmkomitee für die kom­men­de Wikimania bei der Planung des Programms vor­neh­men will. Unter ande­rem mit Hilfe von anony­men Einreichungen von Vorträgen soll der Fokus auf den Austausch der Autoren gerich­tet wer­den. Der Anteil der Beiträge von Funktionären und Angestellten der Wikimedia-Bewegung soll ange­mes­sen redu­ziert werden.

Mittagspause. Es gibt Kartoffelsuppe mit Würstchen und Kartoffelsuppe ohne Würstchen. Ich mache mit Renate einen Abstecher zum Dresdner Altmarkt. Es gibt Penna Arrabiata. Wir unter­hal­ten uns über dies und das. Zum Beispiel über einen Workshop für Wikipedianer, die auf der Wikimania 2016 einen Vortrag hal­ten möch­ten. Auf dem Workshop könn­te man gemein­sam mit ande­ren die Idee zu dem Vortrag aus­ar­bei­ten und die Session vor­be­rei­ten. Zurück im Hygienemuseum ent­de­cke ich, dass es nicht nur Filterkaffee aus der Pumpkanne, son­dern auch rich­ti­gen Kaffee aus dem WMF-Automaten gibt. Ich unter­hal­te mich präch­tig mit wech­seln­den Gesprächspartnern über dies und das. Zum Beispiel die per­sön­li­che Angefasstheit, wenn eine eige­ne Bearbeitung in der Wikipedia von jeman­dem zurück­ge­setzt wird.

Lukas. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Lukas. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY3.0

In der nächs­ten von mir besuch­ten Session spricht Lukas Mezger über feh­len­de Strukturen für Opfer von Schmutzkampagnen, recht­li­chen Auseinandersetzungen und Stalking im Wikipedia-Umfeld. Zunächst gibt er eine Übersicht über Konflikte inner­halb und außer­halb der Wikipedia. Als gut in der Wikipedia nann­te er:

  • Es gibt Regeln.
  • Es gibt Prozesse.
  • Es gibt ein Ende, indem man ein­fach den Browser zumacht.

Aber man­che Konflikte ver­las­sen die Wikipedia.

  • Es gibt Schmutzkampagnen, die auf Konflikten inner­halb der Wikipedia beru­hen und außer­halb aus­ge­tra­gen wer­den, zum Beispiel in so genann­ten Hass-Blogs.
  • Es gibt juris­ti­sche Auseinandersetzungen.
  • Es gibt das Nachstellen (das ist das deut­sche Wort für Stalking).

Innerhalb der Wikipedia gibt es stren­ge Regeln. Zum Beispiel ist es in Diskussionen in der Wikipedia ver­bo­ten, mit recht­li­chen Konsequenzen zu dro­hen. So etwas kann zu einer Sperrung des Accounts füh­ren. Was ist aber, wenn die Konflikte die Wikipedia ver­las­sen? Lukas nennt Ratschläge:

  1. Ruhe bewah­ren.
  2. Einen Vertrauten hinzuziehen.
  3. Bei Stalking:
    1. Polizei anru­fen. 112.
    2. Wenn man sich nicht traut oder die Polizei nicht ange­mes­sen reagiert: An das Community Advocacy Team der Wikimedia Foundation wen­den. Die rufen sogar für Dich die Polizei an.
  4. Bei recht­li­chen Auseinandersetzungen: 
    1. Anwalt ein­schal­ten. Immer.
    2. Aber beson­ders, wenn Fristen gesetzt werden.
  5. Bei Schmutzkampagnen:
    1. Don’t feed the troll.
    2. Community Advocacy Team der Wikimedia Foundation einschalten.

Lukas weist dar­auf hin, dass es kei­ne Anlaufstelle von Opfern von Konflikten gibt, die die Wikipedia ver­las­sen. In der eng­lisch­spra­chi­gen Community gibt es bereits Diskussionen dazu.

In der nach­fol­gen­den Diskussion wird angesprochen:

  • Was ist mit fal­schen Anschuldigungen? Lukas meint, dass ein Zuviel an Solidarität der­zeit nicht unser Problem sei.
  • Wieso brau­chen wir noch eine Anlaufstelle? Reichen die bestehen­den nicht aus?
  • Was ist mit dem Schaden, der rea­len Personen durch Einträge in der Wikipedia entsteht?

Es folgt ein kur­zer Zwischenstopp in der Lounge, wo ich wie­der inter­es­san­te Gespräche füh­re. Zum Beispiel über die längs­te Denkmalliste in der deutsch­spra­chi­gen Wikipedia (angeb­lich Berlin-Mitte).

Entspannte Atmosphäre. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Entspannte Atmosphäre. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY3.0

In der fol­gen­den Session stel­len der Wikimedia Deutschland-Vorstand Christian Rickerts und der Wikimedia Deutschland-Präsidiumsvorsitzende Tim Moritz Hector in ent­spann­ter Atmosphäre kurz den Jahresplanungsprozess von Wikimedia Deutschland für 2016 vor. Die Partizipation der Mitglieder soll­te beson­ders hoch aus­fal­len und nach Einschätzung von Tim Moritz ist das auch gelun­gen. Wieder ein­ge­führt wur­den in Zahlen aus­ge­drück­te Ziele. Die Zahl von durch Maßnahmen des Vereins neu hin­zu­zu­ge­win­nen­de 20.000 Wikipedia-Autoren-Accounts führ­te zu Diskussionen, die eine Verlängerung der Session erfor­der­te. Wie schon in Mexiko-Stadt wur­de von den Veranstaltern der Session das Interesse der Leute außer­halb ihrer Kreise unterschätzt.

Zum Abend gab es ein lecke­res Büfett; allein das Zucchini-Gemüse fand wenig Anklang.

Eulenverleihung. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Eulenverleihung. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY3.0

Bei der Abendveranstaltung wer­den ver­dien­ten Wikipedianern Eulen ver­lie­hen. Bravo!

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Sebastian Wallroth administrator