WikiCon 2018 St. Gallen

Meine persönlichen Eindrücke von der WikiCon 2018 in St. Gallen. Zitate meist sinngemäß und gelegentlich falsch zugeordnet. Für Hinweise und Nachrichten jeder Art danke ich pflichtschuldigst.

Die WikiCon ist das Treffen der Communitys der deutschsprachigen Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte. – https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiCon_2018

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Ich bin einen Tag eher angereist. Etwa 10 Stunden mit dem Zug von Berlin über Augsburg und Buchloe (sprich: Buchlo-e, eine Eisenbahnerstadt) nach St. Gallen.

Da die Hügel der Stadt die ersten Erhebungen für Wolkenformationen aus West bis Nordost sind, kommt es oft zu tagelangem Stauregen oder Schneefall.  Die Wolken stauen besonders im Alpsteingebirge, und es kommt zu Niederschlag. Bei Nord- oder Nordostwind herrscht in der Gallusstadt Bisenlage, es wird also sehr kalt. Dies ist meist mit Hochnebel verbunden, da sich die kalten, feuchten Luftmassen am Boden festsetzen, während in höheren Regionen schönes Wetter herrscht. – https://de.wikipedia.org/wiki/St._Gallen#Klima

Die Stadt begrüßt mich mit freundlichem Sonnenschein. Vom Bahnhof zum Hotel sind es nur 10 Minuten. Nach eine kurzen Pause gehe ich den Weg zur Kantonsschule erkunden; so heißt hier das Gymnasium. Der Weg führt mitten durch die Altstadt vorbei am Unesco-Welterbe-Kloster. An der Klostermauer ist die Stelle bezeichnet, wo im 17. Jahrhundert ein Plumpsklo war. Touristen kaufen Kuhglocken.

Freitag, 5. Oktober 2018

Ich habe Frühdienst. Ab 9:00 Uhr darf ich in der Küche der Kantonsschule helfen. Es ist niemand vom Organisationsteam da. Der Koch weiß nichts. Nach 20 Minuten lässt er mich helfen. Ich decke zusammen mit einem polnischen Wikipedianer Tische ein. Ich fühle mich gut, weil ich helfen konnte. Noch ein Schlenderchen durch die Stadt. Nachmittags ist der Veranstaltungsort voller. Freundliche Grüße von Bekannten. Etliche „ach so siehst Du aus“ mit Leuten, bei denen beiderseits bisher nur der Benutzername bekannt war. Es gibt Rivella-Brause und Kapsel-Käffchen. Wir sitzen im Innenhof neben einem Brunnen in schönstem Sichtbetonbrutalismus über dem der klassizistische Altbau aufragt. Die Konferenz findet im Neubau statt. Der ist großzügig geschnitten und technisch hervorragend ausgestattet.

17:0017:15 … 17:20 gongt ein Gong und alle dürfen in die Aula zur Begrüßung. Den Eröffnungsvortrag hält die Schweizer Dozentin Cristina Sarasua, die aus dem baskischen San Sebastian stammt. Sie hält ihre Vorträge sonst auf Englisch. Diesmal hat sie sich vorgenommen, Deutsch zu sprechen.

Sonst spreche ich viel schneller. Ich komme mir richtig dumm vor.

Warmer Beifall. Der Vortrag dreht sich um das Semantische Web, strukturierte Daten und Wikidata. In der anschließenden Panel-Diskussion sprechen Cristina sowie Christian Geiger (Chief Digital Officer St. Gallens), Ralf Liebau und Perrak (Wikipedianer).

Als Stadt überlege ich immer: Welche Daten kann ich freigeben? –Christian

Offene Daten bergen immer Risiken hinsichtlich des Datenschutzes. In der deutschen Wikipedia dürfen Namen und Geburtsdaten der Kinder von Prominenten nicht genannt werden. Ich der englischen schon. es gibt unterschiedliche Kulturen des Datenschutzes. Was ist, wenn die Daten in Wikidata stehen? – Perrak

Wo bleibt die versprochene goldene Zukunft mit Wikidata? Ich merke nichts. – Ralf

Wieso dürfen in Wikidata Wikipedia-Artikel als Quellen angegeben werden? – Ralf

Komplexe Sachverhalte lassen sich mit aus Daten generierten Texten notwendiger Weise nur vereinfacht darstellen.  – Ralf

Qualität kann durch Menschen und Algorithmen geschaffen werden. Entweder verbessern wir die Technologie soweit, dass sie es allein schafft, oder wir bleiben bei dem Hybriden aus Mensch und Algorithmus. – Cristina

Zum Abendessen gibt es Käsefondue.

In der Spätsession geht es um Umgangsformen in der Community. Auf dem Panel sitzen Lukas Mezger (Wikipedia, Wikimedia Deutschland Präsidium), Kritzolina (Wikipedia, Wikimedia Foundation), Vera Krick (Wikimedia Deutschland) und Achim Raschka (Wikipedia). Es gibt einen freien Platz für spontane Gäste und ein Saalmikrofon.

Lukas zeigt als Einleitung zwei Dutzend Zitate aus der Diskussionsseite des Wikipedia:Kurier. Sie stammen von einem einzigen Tag. Beleidigungen, Unterstellungen, Rundumschläge. – Lachen im Saal.

Haben wir ein Problem? – Lukas

Wir brauchen die Auseinandersetzung, aber bei Streitereien sinkt die Effizienz. – Kritzolina

Beim Streit um den Daniel Ganser-Artikel haben ein paar Leute ein klares Ziel: Andere Leute aus der Diskussion wegbeleidigen. – jemand aus dem Saal

Mancheiner verliert jedes Maß bei der Verteidigung „seines“ Artikels. – Kritzolina

Als alter Hase kennt man sich über Jahre hinziehende persönliche Konflikte. Diese machen 50% der Vandalismusmeldungen aus. – Achim

Wenn zwei Dickfellige sich öffentlich beharken hat das Auswirkungen auf Dünnhäutige. – Kritzolina

Diese krassen Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Lasst uns auf die riesige Menge unter dem Wasserspiegel schauen. – Vera

In der Folge wird das Bild des Eisbergs immer wieder aufgegriffen und überstrapaziert.

Aus den unverbindlichen Leitlinien wurden betonharte Regeln, an denen sich ständig jemand verletzt. – Achim

Administratoren wird aufgehalst, göttergleich in Konflikten zu richten, statt sich im technische Aufgaben kümmern zu können. – Achim

Die Community Health Initiative der Foundation hat begonnen, Konflikte in den Communities zu untersuchen.  – Kritzolina

Von Leuten aus der Uni höre ich immer „Ich habe es erfolglos versucht“. Nie höre ich „Es war mit technisch zu kompliziert“ wenn ich frage, warum sie nicht in der Wikipedia arbeiten. – Stimme aus dem Saal

Ich glaube nicht, dass man pädagogisch auf die Diskussionskultur einwirken kann. – Kritzolina

Eine Kommentarzeile mit vier Akronymen kann auf Neulinge sehr einschüchternd wirken. Die denken ‚Wow, da bin ich ja ganz schön zusammen gestaucht worden.‘ – Stimme aus dem Saal

Wenn über einen neu angelegten Artikel nochmal gesprochen werden muss, kann man eine Hinweisbox einfügen. Warum heißt die „Löschantrag“? Versteht niemand, was das bei neuen Wikipedia-Autoren auslöst? – Stimme aus dem Saal

Man hat so ein Ohnmachtsgefühl wenn man Konflikten ausgeliefert ist und man hofft auf Hilfe von irgendwo – Admins? Foundation? Verein? – Stimme aus dem Saal

Zum Abschluss fragt Lukas, wie Community, Verein und Foundation mit der Situation umgehen könnten.

Persönliche Gespräche helfen – Kritzolina

Der Verein hilft bereits bei Konflikten im „realen Leben“  –  Vera

Der Verein wird „on-wiki“ nie in Konflikte eingreifen  – Vera

Der Verein wird Kommunikationstrainings anbieten  – Vera

Die Foundation wird in Zukunft mehr auf Konfliktherde in den verschiedenen Communities hinweisen – Kritzolina

Das Abschluss sitzt jemand aus dem Saal auf dem freien Panelstuhl, stellt sich als „Seemann mit Beratererfahrung“ vor und rät, sich nicht zu sehr mit den Eisbergen zu beschäftigen, sondern im gewaltigen Ozean der Community in warme Gewässer zu steuern.

Bericht zur WikiCon 2016 – der jährlichen Konferenz der deutschsprachigen Wikipedia

People at Wikicon 2016. DasMonstaaa. CC BY-SA-4.0
People at Wikicon 2016. DasMonstaaa. CC BY-SA-4.0

WikiCon ist die jährliche Konferenz der deutschsprachigen Wikimedia-Projekte. Dort treffen sich Freiwillige aus der Wikipedia und anderen Projekten, um sich miteinander, mit Angestellten der Fördervereine Wikimedia Deutschland, Wikimedia Österreich und Wikimedia Schweiz und mit Neugierigen auszutauschen. Die Konferenz wird von Freiwilligen organisiert und fand 2016 in Kornwestheim bei Stuttgart statt.

Kornwestheim hat nur 33.000 Einwohner und ist bekannt für die Werke Salamander (Schuhe, pleite), Albert Stotz (Eisengießerei, pleite) und Kreidler (Mopeds, pleite). Den ehemaligen Wohlstand sieht man der Stadt noch an. Und sie schlägt sich tapfer, wie man den Worten der wirklich rührend um die WikiCon bemühten Oberbürgermeisterin entnehmen konnte.

Die Konferenz fand im Kultur- und Kongresszentrum „Das K“ gleich gegenüber dem Rathaus-, äh, Wasser-, äh, Aussichtsturm. Das K in Kornwestheim war ein vorzüglicher Ort für die Konferenz. Alles war sehr offen, man lief sich immer mal wieder über den Weg.

Am Freitag Abend wurde feierlich begrüßt und für die Foto-Wettbewerbe Wiki Loves Monuments und Wiki Loves Earth wurde feierlich verliehen. Danach gab es zwei Sessionslots.

In der ersten von mir besuchten Session berichtete der Wikipedianer „Toter Alter Mann“ (ein Soziologe) über den Zustand der Richtlinien in der Wikipedia berichtet. Ich hatte ich für diesen Vortrag entschieden, weil ich wenig Ahnung von Richtlinien habe. Ich komme ganz gut zurecht, ohne sie konsultieren zu müssen. Es ist wohl auch so, dass eine Beschäftigung mit ihnen keine Freude ist. Hab ich wohl alles richtig gemacht.

Danach nahm ich ein Bier zu mir und weiß nicht mehr so recht.

Die Teilnehmer waren auf mehrere Hotels verteilt, die alle etwa ein Viertelstunde Fußweg vom Konferenzort entfernt standen. Meines hieß „Gasthaus zu Hasen“ und entpuppte sich als frisch gebaute Ergänzung zu einem alterwürdigen Fachwerkbau mit Klimaanlage und ebenerdiger Dusche.

Am Samstag hieß es ab 9:30 „Archive entern“ im Vortrag des der Wikipedia zugetanen Archivars Clemens Rehm, der von Archivarenseite zu berichten wusste, dass man verunsichert sei.

Im folgenden Vortrag erzählten mehrere Aktive aus der Szene der Stadt- und Regional-Wikis. Das sind Wikis, in denen Informationen zu regionalen Themen auf Art und Weisen gesammelt werden. Es sind also keine Enzyklopädien. Und das ist gut so. So kann zum Beispiel Wissen neben der Wikipedia gesammelt werden, das wegen unpassender oder unbekannter Lizenzierung dort nicht hinein passt.

In der Session, die ich danach besuchte, bot Ziko van Dijk einen Blick auf die vielen Sprachen der Wikipedia und soziolinguistische (!) Betrachtungen. Es wurden die Begriffe Abstandssprache, Ausbausprache und die Überdachung von Sprachen gesprochen.

Nach dem Mittagessen folgte eine der unausweichlichen Sessions. Unter der Überschrift „Warum freie Bildung und OER jeden Wikipedianer etwas angehen sollte“ setzte sich René Pickardt sympathisch-enthusiastisch für die Befreiung von an Universitäten erstellten Materialien und die Re-Animation der Wikipedia-Schwesterprojekte Wikibooks und Wikiversity ein. Einen breiten Raum nahm die Begründung ein, warum sich Wikipedianer hier engagieren sollen. Kurz: Weil es irgenwie in der Satzung von Wikimedia Deutschland steht.

Den Stand der Community-Förderung stellten hernach eine Freiwillige und eine Mitarbeiterin des deutschen Fördervereins Wikimedia Deutschland vor. Die Freiwillige hatte eine Zufriedenheitsumfrage unter einer Gruppe von Freiwilligen durchgeführt, die im vergangenen Jahr finanzielle und Projekt-Förderung vom deutschen Förderverein erhalten hatten. Die waren durchaus zufrieden. Nur sollten die Anleitungen einfacher, die Formulare weniger komplex und die Antwortzeiten etwas kürzer sein. Der Leiter der Community-Förderung Wikimedia Deutschlands nannte die internen Vorgaben für Antwortzeiten. Eine sehr unzufriedene Stimme aus dem Publikum wusste zu berichten, dass diese Vorgaben regeläßig zum Teil deutlich überschritten werden. Mich wunderte, dass die Zufriedenheitsumfrage von einer Freiwilligen durchgeführt worden war, zumal es sich um eine einmalige Aktion zu handeln scheint. Ich hätte vermutet, dass Zufriedenheitsbefragungen zum Standard einer fördernden Organisation gehören. Wie weiß man sonst, wie gut man seine Arbeit macht?

Es folgte das Große Gruppenfoto der großen Teilnehmergruppe. Es müssten 332 Personen auf dem Foto zu sehen sein (der Fotograf fehlt natürlich).

Dann ließ ich einen Sessionslot sausen, quatschte mit ein paar Leuten, sah mir einen „One Laptop per Child“-Laptop an und schaute bei einer Neulingsschulung zu.

Zweiter Tag der #WikiCON15 2015 in Dresden

Birgit Müller (WMDE). Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Birgit Müller (WMDE). Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Pünktlich halb zehn geht es los: Birgit Müller, Projektmanagerin in der Softwareentwicklung von Wikimedia Deutschland stellt das „Projekt Technische Wünsche“ vor.  Hauptthema des Projektes war die Kommunikation über und die Darstellung der Softwareentwicklungsprozesse. Die Ideen und Wünsche der Wikipedianer wurden mit Umfragen eingeholt. Das war eine sehr ertragreiche Methode: es kamen mehr als 200 Einträge zusammen. Der Input muss jedoch von erfahrenen Wikipedianern und Projektmanagern moderiert werden, damit alle Seiten die Problemstellungen verstehen. Workshops ermöglichen dann tiefer gehende Diskussionen.

Zum Abschluss ihres Vortrags gab Birgit eine interessante Zusammenfassung von Erkenntnissen, u.a.:

  • Wikipedia ist ein kollaboratives Projekt – Austausch und transparente Prozesse ermöglichen erst eine Zusammenarbeit
  • das Projektmanagement muss (Un)Möglichkeiten in der Softwareentwicklung verständlich kommunizieren
  • Wikipedia ist ein Hobby – die Mitarbeit im Projekt sollte Spaß machen

Wir, die hauptamtlichen Mitarbeiter von Wikimedia Deutschland denken vielleicht zu wenig darüber nach, dass die Wikipedia für die Freiwilligen ein Hobby ist, das Spaß machen sollte. – Birgit Müller (WMDE)

Danach sitze ich ein wenig im Schatten von Sonnenschirmen im Vorhof des Museums und führe entspannte, angeregte und aufgeregte Gespräche.

Konzentration. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Konzentration. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Halb elf fragen Austriantraveler und Regiomontanus, wie es nach dem erfolgreichen Projekt Denkmallisten in Österreich weiter gehen soll. Am Anfang des Projekts stand die Frage: Wie wird man mit gigantischen Denkmallisten fertig? Antwort: Indem man gleich richtig anfängt. Aus dieser Überlegung entstand das Projekt Österreichische Denkmallisten. Zu Beginn des Denkmallisten-Projekts gab es teilweise nur Papier; meist aber „echte“, durchsuchbare PDFs, aus denen man Text kopieren kann; bei 37.000 unbeweglichen Denkmälern in rund 2.400 Gemeindelisten ist das trotzdem viel Arbeit. Das weitaus bekanntere Projekt Wiki Loves Monuments und das Denkmallisten-Projekt haben eine Schnittmenge; das Denkmallisten-Projekt ist jedoch für die Wikipedia wohl das wichtigere. Das österreichische Bundesdenkmalamt stellte 2011 erstmals maschinenlesbare Denkmallisten mit eindeutiger ID zur Verfügung. Im Projekt „lieferten“ die Freiwilligen:

  • Fehlerkorrekturen,
  • Aktualisierungen,
  • kompletter Vor-Ort-Besuch aller Objekte,
  • Koordinaten aller Objekte (früher wurde nur das Grundstück angegeben, auf dem das Denkmal zu finden war),
  • textuelle Kurzbeschreibung der Objekte (nicht Begründung des Denkmalwerts; die muss vom Denkmalamt kommen)

Die Schwierigkeit mit dem öffentlichkeitswirksamen Wiki Loves Monuments ist, dass dort bevorzugt beliebte, leicht zugängliche Denkmäler fotografiert werden. 3.700 Fotos der Wiener Hofburg (ohne Museen) stehen 2.900 Denkmäler ohne Foto gegenüber.  Es ist ziemlich klar, dass die letzten 10% der Denkmallisteneinträge nicht mehr mit Hilfe von über Wiki Loves Monuments herein kommenden Fotos bebildert werden.

Hauptfazit des österreichischen Denkmallisten-Projektes: Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt ist das Um und Auf.

Ich spreche die Referenten darauf an, ob sie nicht in sieben Wochen nach Schwerin zu WikiDACH kommen wollen, um mit ihren Erfolgen die dortigen Denkmalbehörden zu beeindrucken. Sie scheinen nicht abgeneigt.

Ich haste zur nächsten Session. Im großen Saal behaupten Gereon K., Renate, Martin Rulsch, Marcus Cyron und Veronika Krämer, „nach der Wikimania ist vor der Wikimania„. Gereon erzählt von dem Vortrag auf der Wikimania 2015 in Mexiko-Stadt, der ihn am meisten beeinflusst hat. Der Vortrag „Ebola Translations: How We Did it & How to Get Involved“ handelte davon, dass eine internationale Organisation ein milliardenschweres Informationsprogramm für afrikanische Länder gestartet hatte, die von Ebola betroffen waren. Bei einer Evaluation stellte die Organisation fest, dass sich 80% der Menschen vor Ort nicht bei ihrem Informationsprogramm, sondern in der Wikipedia über Ebola informierten. Daraufhin wandten sie sich an Wikimedia, um ein gemeinsames Projekt anzustoßen. Die Herausforderung war, dass in den betroffenen Ländern viele Einwohner die jeweiligen Kolonialsprachen Französisch oder Englisch gar nicht verstanden. Mit Hilfe von Translators without Borders wurden die betreffenden Artikel in 110 lokale Sprachen übersetzt. Am meisten war Gereon K. von dem Vorzeichenwechsel beeindruckt: Organisationen mit Weltbedeutung kommen inzwischen auf die Wikipedia-Community zu.

Drei Wikipedianerinnen. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Drei Wikipedianerinnen. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Danach erzählten Martin Rulsch über den Stipendienprozess und Marcus Cyron über Änderungen, die das Programmkomitee für die kommende Wikimania bei der Planung des Programms vornehmen will. Unter anderem mit Hilfe von anonymen Einreichungen von Vorträgen soll der Fokus auf den Austausch der Autoren gerichtet werden. Der Anteil der Beiträge von Funktionären und Angestellten der Wikimedia-Bewegung soll angemessen reduziert werden.

Mittagspause. Es gibt Kartoffelsuppe mit Würstchen und Kartoffelsuppe ohne Würstchen. Ich mache mit Renate einen Abstecher zum Dresdner Altmarkt. Es gibt Penna Arrabiata. Wir unterhalten uns über dies und das. Zum Beispiel über einen Workshop für Wikipedianer, die auf der Wikimania 2016 einen Vortrag halten möchten. Auf dem Workshop könnte man gemeinsam mit anderen die Idee zu dem Vortrag ausarbeiten und die Session vorbereiten.  Zurück im Hygienemuseum entdecke ich, dass es nicht nur Filterkaffee aus der Pumpkanne, sondern auch richtigen Kaffee aus dem WMF-Automaten gibt. Ich unterhalte mich prächtig mit wechselnden Gesprächspartnern über dies und das. Zum Beispiel die persönliche Angefasstheit, wenn eine eigene Bearbeitung in der Wikipedia von jemandem zurückgesetzt wird.

Lukas. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Lukas. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

In der nächsten von mir besuchten Session spricht Lukas Mezger über fehlende Strukturen für Opfer von Schmutzkampagnen, rechtlichen Auseinandersetzungen und Stalking im Wikipedia-Umfeld. Zunächst gibt er eine Übersicht über Konflikte innerhalb und außerhalb der Wikipedia. Als gut in der Wikipedia nannte er:

  • Es gibt Regeln.
  • Es gibt Prozesse.
  • Es gibt ein Ende, indem man einfach den Browser zumacht.

Aber manche Konflikte verlassen die Wikipedia.

  • Es gibt Schmutzkampagnen, die auf Konflikten innerhalb der Wikipedia beruhen und außerhalb ausgetragen werden, zum Beispiel in so genannten Hass-Blogs.
  • Es gibt juristische Auseinandersetzungen.
  • Es gibt das Nachstellen (das ist das deutsche Wort für Stalking).

Innerhalb der Wikipedia gibt es strenge Regeln. Zum Beispiel ist es in Diskussionen in der Wikipedia verboten, mit rechtlichen Konsequenzen zu drohen. So etwas kann zu einer Sperrung des Accounts führen. Was ist aber, wenn die Konflikte die Wikipedia verlassen? Lukas nennt Ratschläge:

  1. Ruhe bewahren.
  2. Einen Vertrauten hinzuziehen.
  3. Bei Stalking:
    1. Polizei anrufen. 112.
    2. Wenn man sich nicht traut oder die Polizei nicht angemessen reagiert: An das Community Advocacy Team der Wikimedia Foundation wenden. Die rufen sogar für Dich die Polizei an.
  4. Bei rechtlichen Auseinandersetzungen:
    1. Anwalt einschalten. Immer.
    2. Aber besonders, wenn Fristen gesetzt werden.
  5. Bei Schmutzkampagnen:
    1. Don’t feed the troll.
    2. Community Advocacy Team der Wikimedia Foundation einschalten.

Lukas weist darauf hin, dass es keine Anlaufstelle von Opfern von Konflikten gibt, die die Wikipedia verlassen. In der englischsprachigen Community gibt es bereits Diskussionen dazu.

In der nachfolgenden Diskussion wird angesprochen:

  • Was ist mit falschen Anschuldigungen? Lukas meint, dass ein Zuviel an Solidarität derzeit nicht unser Problem sei.
  • Wieso brauchen wir noch eine Anlaufstelle? Reichen die bestehenden nicht aus?
  • Was ist mit dem Schaden, der realen Personen durch Einträge in der Wikipedia entsteht?

Es folgt ein kurzer Zwischenstopp in der Lounge, wo ich wieder interessante Gespräche führe. Zum Beispiel über die längste Denkmalliste in der deutschsprachigen Wikipedia (angeblich Berlin-Mitte).

Entspannte Atmosphäre. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Entspannte Atmosphäre. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

In der folgenden Session stellen der Wikimedia Deutschland-Vorstand Christian Rickerts und der Wikimedia Deutschland-Präsidiumsvorsitzende Tim Moritz Hector in entspannter Atmosphäre kurz den Jahresplanungsprozess von Wikimedia Deutschland für 2016 vor. Die Partizipation der Mitglieder sollte besonders hoch ausfallen und nach Einschätzung von Tim Moritz ist das auch gelungen. Wieder eingeführt wurden in Zahlen ausgedrückte Ziele. Die Zahl von durch Maßnahmen des Vereins neu hinzuzugewinnende 20.000 Wikipedia-Autoren-Accounts führte zu Diskussionen, die eine Verlängerung der Session erforderte. Wie schon in Mexiko-Stadt wurde von den Veranstaltern der Session das Interesse der Leute außerhalb ihrer Kreise unterschätzt.

Zum Abend gab es ein leckeres Büfett; allein das Zucchini-Gemüse fand wenig Anklang.

Eulenverleihung. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0
Eulenverleihung. Foto: Sebastian Wallroth, CC-BY-3.0

Bei der Abendveranstaltung werden verdienten Wikipedianern Eulen verliehen. Bravo!