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Man kann einen Ton nicht zweimal singen

Stecke Deinen Finger in ein Fluss. Ziehe ihn her­aus. Kann Du ihn an der sel­ben Stelle wie­der hin­ein ste­cken? Kannst Du nicht. Der Fluss ist wei­ter geflos­sen, die Wassertropfen haben sich im Verhältnis zuein­an­der bewegt.

Genausowenig kann ein Mensch den­sel­ben Ton zwei­mal sin­gen. Die Umweltbedingungen haben sich ver­än­dert. Die Stimmbänder wur­den angestrengt.

Genau das macht den Reiz von Live-Musik aus. Die Musikanten machen nie genau das­sel­be. Aber sie stre­ben danach, jedes Mal einen schö­nen Klang zu erzeugen.

Mit der Industrialisierung kam die unend­li­che Reproduzierbarkeit von Klängen. Im Radio läuft Musik, die die Künstler auf dem Höhepunkt ihres Könnens auf­ge­nom­men haben. Und sie wur­de digi­tal nach­be­ar­bei­tet, um noch bes­ser zu klin­gen. Viel schö­ner, als es ein Mensch allein erzeu­gen könnte.

Das mensch­li­che Gehirn freut sich, wenn es Muster wie­der­erkennt. Es muss sich nicht anstren­gen, son­dern kann auf abge­spei­cher­te Emotionen zurück­grei­fen. ACDC als Fahrstuhlmusik. Entspannung. Alles easy.

Es wird Zeit, Dich aus Deiner per­sön­li­chen Komfortzone zu bege­ben. Singe ein Lied mit Deinen Liebsten. Gehe dort­hin, wo Musik gemacht wird. Und damit mei­ne ich kei­ne Großkonzerte in Riesenarenen, wo Bands ver­su­chen zu klin­gen, wie vor 20 Jahren.

Rock’n’Roll, Baby.

Gedanken zur Schatzkammer Das Grüne Gewölbe in Dresden

Was fas­zi­niert mich am Geglitzer und Gefunkel? Der mate­ri­el­le Wert ist es nicht. Dass ein Diamant so unglaub­lich viel mehr Wert sein soll als ein Straßstein ist doch Quatsch. Klar, der Diamant wird im Erdinnern durch unge­heu­ren Druck erzeugt – das ist beein­dru­ckend. Aber Strass glit­zert min­des­tens eben­so hübsch. Und wir Menschen kön­nen Industriediamanten her­stel­len, die genau­so hart sind wie natür­lich entstandene. 

Der Gedanke, das ich mir für einen ein­zel­nen Stein ein gan­zes Schloss kau­fen könn­te ist auch nicht zuen­de gedacht. Man will also einen Stein haben, um ihn dann wie­der weg­zu­ge­ben. Und so ein Schloss kann auch ein Klotz am Bein sein. Da kannst Du jeden Schlossbesitzer fra­gen. Da braucht wenigs­tens noch einen wei­te­ren Stein, um das Schloss in der eige­nen Lebensspanne zu unter­hal­ten. Ich glau­be nicht, dass ein Schloss eine wesent­lich Verbesserung gegen­über mei­ner 110 qm Wohnung mit mei­ner schö­nen und klu­gen Frau und mei­nem gesun­den und klu­gen Kind darstellt.

Die Faszination ergibt sich für mich aus dem Kunsthandwerk. Der geschick­te und respekt­vol­le Umgang mit den sei­ner­zeit unfass­bar sel­te­nen Materialien. Da gibt es mit zier­li­chen Goldleisten ein­ge­fass­te Perlmuttkästchen. Die Perlmuttkästchen wur­den schon damals von indi­schen Handwerkern seit Tausend Jahren auf die glei­che Weise her­ge­stellt. Heute bekommt man sie im Eine-Welt-Laden um die Ecke für 30 Euro. Damals wur­den sie von Menschen oder Tieren auf dem Rücken nach Europa getra­gen oder man trans­por­tier­te sie auf Schiffen, von denen die meis­ten san­ken oder auf jeden Fall der größ­te Teil der Mannschaft starb.

Unser Blick auf die fili­gra­nen Goldleisten ist heu­te durch die Industrialisierung vor 150 Jahren ver­saut. Schmuck kann heu­te in gigan­ti­schen Stückzahlen her­ge­stellt wer­den, aus in gro­ßen Mengen ver­füg­ba­ren Materialien, die hüb­scher und halt­ba­rer sind als ihre natür­li­chen Vorbilder. Aber Gold war damals wirk­lich schwer zu krie­gen. Und für eine Goldzierleiste mit 80 klei­nen Schnörkeln drauf muss­te jeder ein­zel­ne Schnörkel von Hand geformt wer­den. Und dass die Schnörkel alke gleich aus­se­hen, liegt nicht dar­an, dass eine Maschine sie hirn­los repro­du­ziert har, son­dern dar­an, dass ein Mensch sich so viel Kunstfertigkeit ange­eig­net hat, soet­was hervorzubringen.